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Porträts und Reportagen\Albert
Drach (1992)
"RATZEPUTZ ODER: DAS LEBEN NIMMT KEINE RÜCKSICHT
AUF UNS"
Der Kanzleischreiber Gottes: Zum 90. Geburtstag von ALBERT
DRACH
Von Günter Kaindlstorfer
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| Günter
Kaindlstorfer und Albert Drach (Zum Vergrößern
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Um Albert Drach ranken sich zahlreiche Anekdoten. Wer dem
grimmigen alten Herren jemals zu begegnen die Ehre hatte,
mag ihn für einen Griesgram halten, für einen notorischen
Querkopf. Albert Drach sieht im Lande Grillparzers und Thomas
Bernhards ist dies keineswegs als Injurie aufzufassen einem
Menschenfeind zum Verwechseln ähnlich.
Ich entsinne mich eines kleinen, würdevollen Festakts
im Wiener Rathaus, in dessen Verlauf dem Dichter das "Goldene
Ehrenzeichen" der Stadt Wien verliehen wurde. Der Bürgermeister,
Zilk hieß er, holte zu einer freundlichen, nicht unzumutbar
peinlichen Rede aus, wie sie zu solchen Ereignissen eben üblich
ist. Die Beamten des Bürgermeisterbüros hatten routiniert
gearbeitet, hatten die wesentlichen Fakten zu Leben und Werk
des Geehrten recherchiert. Der Stadtvater, ein Freund der
schönen Künste, mühte sich redlich, seiner
Laudatio einen persönlichen, auch fachlich kompetenten
Anstrich zu geben. Er wies auf das himmelschreiende Unrecht
hin, das Albert Drach während der Nazizeit widerfahren
ist, er brachte die riskanten Jahre der Emigration zur Sprache,
die bitteren Dekaden des öffentlichen Desinteresses,
er würdigte die literarischen Leistungen des Laureaten,
seine moralische Unerbittlichkeit, seine stilistische und
narrative Originalität...
Der solcherart Gelobte wäre indessen nicht Albert Drach
gewesen, hätte er den Bürgermeister nicht, ich schätze,
ein halbes Dutzend Mal unterbrochen, um ihn zu verbessern,
um da und dort auf kleine Fehler, kleine Unstimmigkeiten und
Inkorrektheiten hinzuweisen, er wäre des weiteren nicht
Albert Drach gewesen, hätte er sich im Verlauf seiner
vielleicht fünften Wortmeldung nicht auch lautstark darüber
beklagt, daß er, Albert Drach, der Verfasser von "Das
große Protokoll gegen Zwetschkenbaum", von "Unsentimentale
Reise" und anderer Werke, die dem deutschsprachigen Roman
überhaupt erst den Weg in die Weltliteratur geebnet hätten,
den dieser ohne ihn, Albert Drach, niemals gefunden hätte,
daß er hier nur ein läppisches Ehrenzeichen der
Stadt Wien in Empfang nehmen dürfe, während er auf
den großen österreichischen Staatspreis für
Literatur noch immer warten müsse, weil die Jury, eine
Ansammlung von Ignoranten offenbar, sich Jahr für Jahr
dazu entschließe, diese Auszeichnung, die einzige übrigens,
die seinem, Albert Drachs, Rang auch nur annähernd gemäß
sei, weil die Jury sich Jahr für Jahr von neuem darauf
verständige, den großen Staatspreis einem weiteren
Nichtskönner zuzuschanzen.
Der Lobredner wäre indessen nicht Helmut Zilk gewesen,
hätte er den Dichter nach der fünften oder sechsten
Unterbrechung nicht mit einem polternden Schmäh in die
Schranken gewiesen: "Wissen'S was", donnerte Zilk,
"beim nächsten Mal halten Sie sich Ihre Laudatio
selber."
Ich entsinne mich des weiteren eines Besuches bei Albert
Drach in seinem Mödlinger Gutshof. "Sie sind doch
dieser Kritiker", begrüßte mich der Gastgeber
bereits an der Pforte, "der einmal geschrieben hat, er
wünsche, daß sich meine Bücher besser verkauften?"
Ich mußte, mich einer fast schon verjährten Rezension
erinnernd, bejahen und hoffte naiverweise, dem dräuenden
Strafgericht durch die zutreffende Bemerkung zu entgehen,
ich hätte es ja nur gut...
"Mein lieber Herr!", unterbrach mich der Dichter,
"wissen Sie denn nicht, daß meine Bücher GLÄNZENDEN
Absatz finden?! Daß in Amerika schon DISSERTATIONEN
über mich geschrieben werden?!"
Heute weiß ich es.
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| Günter
Kaindlstorfer und Albert Drach (Zum Vergrößern
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Im Rückblick erscheint es wie ein Wunder, daß
der zürnende Dichter mich nach solchem Fehlverhalten
überhaupt noch ins Haus gebeten hat, daß seine
Gattin, die ehemalige Operettensängerin Gerty Drach,
geborene Rauch, mir ein Schalerl Kaffee kredenzt und der Dichter
selbst mich überhaupt noch einer Wortspende für
würdig befunden hat. Irgend etwas, vielleicht meine glaubhaft
zur Schau gestellte Reumütigkeit, vielleicht meine im
Grunde doch recht anständige Arbeit als Drach-Rezensent,
irgend etwas hat mich Nichtswürdigen also noch Gnade
finden lassen.
Nach dem Kaffee, nach artiger Plauderei über die Tücken
der Juristerei und die englische Romankunst des 18. Jahrhunderts,
führte mich der Dichter durch endlose Zimmerfluchten
ins Herrenzimmer. An die Korridorwände duckte sich, Wälzer
an Wälzer, eine imposante Bibliothek von 10.000 Bänden,
irgendwo in verborgenen Gemächern, kreischte ein Papagei.
Im Arbeitszimmer des Hausherrn nahmen wir schließlich
Platz zum Interview.
Was er, Albert Drach, von dem Dramatiker Turrini halte, wollte
ich wissen. "Nichts." Ob György Sebestyen,
der soeben verblichene PEN-Präsident, ihm sympathisch
gewesen sei? "Nein, der Mann war eine Niete, eine vollkommene
Niete." Was ihm zu Thomas Bernhard einfalle. "Wenig.
Er überragt die Nichtskönner, immerhin, ich würde
ihm den dritten oder vierten Rang zuerkennen." Ob er
Anton Wildgans, seinem frühen Freund und Förderer,
als Literaten Achtung entgegenbringe? "Nein", so
Drach, "Wildgans war ein bestenfalls acht-, ein neuntrangiger
Dichter." (Später, in der schriftlichen Interview-Fassung,
mußte ich diese Einschätzung auf "kein bedeutender
Dichter" ausbessern.)
Im persönlichen Umgang erweist sich Albert Drach, der
streitbare Jurist, als schwieriger Fall, wie allgemein und
übereinstimmend berichtet wird. Für die Literatur
sind seine, sagen wir einmal, originellen Charaktereigenschaften
freilich ein Glücksfall. Ich kenne keinen Autor, der
alle Sentiments, alle falsche Schönfärberei so radikal,
so ratzeputz aus seinem Werk verbannt hätte wie er. In
der "Unsentimentalen Reise", in "Z.Z. Das ist
die Zwischenzeit", in der "Untersuchung an Mädeln",
im "Großen Protokoll gegen Zwetschkenbaum",
in allen seinen Arbeiten erweist sich Drach als mitleidloser,
als abgrundtief zynischer Chronist eines mitleidlosen und
abgrundtief zynischen Jahrhunderts.
Seine ureigenste Erfindung ist der "Protokollstil",
ein sonderbares Gemisch aus Justiz- und Dichtersprache, ein
umständliches Idiom mit spröder Musikalität,
das man, wie der Dichter mit martialischem Tonfall klargestellt
wissen möchte, keinesfalls mit Herzmanovsky-Orlandos
harmlosem "Kanzleistil" verwechseln darf.
"Ich bediene mich eines Stils", erläutert
Drach, "in dem das Leben gegen den Menschen schreibt.
Das Leben nimmt keine Rücksicht auf uns, es schreibt
in gleicher Weise hart gegen alle. Auf diese Weise muß
auch der Roman verfahren. Die Deutschen haben ja bis heute
keinen anständigen Roman zustandegebracht, weil sie von
ihrer Gefühlsduselei nicht absehen können. Wie sollen
die Deutschen mit ihrer penetranten Rührseligkeit einen
anständigen Roman zustandebringen?"
Man hat zu Recht darauf hingewiesen, daß Albert Drachs
Protokollstil die herrschende Sprache als Herrschaftssprache
demaskiert. Wer Drach indes auf die Rolle des bloßen
Gesellschaftskritikers reduzieren möchte, greift zu kurz.
Was Drach so schneidend attackiert, sind nicht die "Verhältnisse",
es ist die menschliche Existenz in ihrer Gesamtheit. Albert
Drach ist kein Gesellschafts- er ist ein Existenzkritiker.
Im bitterbösen Kosmos seiner epischen Anklageschriften
gibt es kein Subjekt. Der Mensch ist dunklen, dubiosen und
vor allem durch und durch banalen Kräften unterworfen,
von denen er keine Kenntnis hat, deren Motive er nicht versteht
und von denen er nur eines mit Sicherheit und völlig
zu Recht annehmen kann: daß sie sein Schlechtestes wollen.
Auf die Spitze getrieben hat Albert Drach diese schwarze
Poetik in einer kleinen, ganz und gar zynischen, fast schon
geschmacklosen Erzählung, die soeben im Hanser-Verlag
erschienen ist. "Ia" heißt diese Perle des
schwarzen Humors nicht ohne Hintersinn dem Ruf des Esels
nachempfunden. Es geht um die virtuelle Vergewaltigung eines
weiblichen Säuglings durch 16 Vertreter der österreichischen
Greisenschaft. Scharfer, nein, schärfster Tobak.
Man könnte sich Gott nach der Lektüre der Drachschen
Bücher als k. u. k. Ministerialrat vorstellen, fleißig,
penibel und geistig ein bisserl beschränkt ein ordnungsliebender
Familienvater, ein pflichtversessener Bürokrat, der mit
gnadenloser Perfektion Katastrophe auf Katastrophe organisiert.
Albert Drach, der Jurist aus Mödling, ist sein Kanzleischreiber.
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Erschienen in "Die
Presse", 12. Dezember 1992.
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