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Interviews\Hubert von Goisern
(1993)
"DEM HAIDER SEIN VATER IST EIN UNVERBESSERLICHER NAZI"
Hubert von Goisern über den Kuhmelcher-Jodler, sein
Verhältnis zu den "Beatles" und seine Beziehung
zu Jörg Haiders Familie in Bad Goisern
Von Günter Kaindlstorfer
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| Hubert
von Goisern |
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Herr von Goisern, ich entnehme der Zeitschrift "News",
daß Sie soeben mit einem tragbaren Iglu die Alpen überquert
hätten. War's anstrengend?
Von Goisern: Diese Tour hat nie stattgefunden. Sie
war in Planung, aber einige Tage, bevor wir losgehen wollten,
hat's total zu regnen angefangen. Die von "News"
haben einfach Blödsinn geschrieben; sie haben diesen
Treck als Tatsache dargestellt, dabei mußten wir das
Ganze auf März verschieben.
Werden Sie die Alpen der Länge oder der Breite nach
überqueren?
Von Goisern: Das ist auch wieder so ein Blödsinn.
Von einer Alpenüberquerung war nie die Rede, wir möchten
das Dachsteinmassiv packen und anschließend das Tote
Gebirge überqueren, das ist alles.
Wer ist "wir"?
Von Goisern: Der Lutz Högermoser und ich.
Wer ist Lutz Högermoser?
Von Goisern: Ein irrsinnig guter Freund von mir. Der
Lutz ist ein Extrembergsteiger, ein Goiserer, er hat schon
den einen oder anderen Achttausender bestiegen.
Finden Sie noch Zeit für so etwas?
Von Goisern: Eine Woche in den Bergen baut mich mehr
auf als ein Monat in Griechenland. Für so etwas muß
ich mir Zeit nehmen.
Sie sind in Bad Goisern aufgewachsen. Welche Welt war
das, die Welt Ihrer Kindheit?
Von Goisern: Eine unglaublich schöne Welt; ein
bisserl eng zwar, aber mein Gott, ich habe schnell überrissen:
Wenn du einen größeren Horizont gewinnen möchtest,
dann mußt' halt irgendwo auffikraxeln. Das hab' ich
schon als Bub am liebsten gemacht, das Auffikraxeln.
Und unten im Tal, bei Ihren Eltern, wie war das dort?
Von Goisern: Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie.
Mein Vater war Abteilungsleiter bei Hoffmann & Co, meine
Mutter Hausfrau.
Hoffmann & Co?
Von Goisern: Das war eine Fabrik für Kunstgraphit.
Ich komme aus einer richtigen Häuslbauer-Familie.
Hat die Politik eine Rolle gespielt bei Ihnen zu Hause?
Von Goisern: Meine Eltern sind sozialdemokratisch
eingestellt. Das liegt bei uns in der Familie, väterlicherseits.
Mein Onkel ist SPÖ-Gemeinderat und Sportfunktionär
beim ASKÖ. Ich würde sagen, mein Vater ist noch
der Unpolitischste von allen. Er ist natürlich Partei-
und Gewerkschaftsmitlied, aber eine richtige, offizielle Funktion
wollte er nie haben.
Und die Familie Ihrer Mutter?
Von Goisern: Die kommen eher aus dem freiheitlichen
Eck, vor allem mein Großvater. Dadurch, daß er
Sudetendeutscher ist, tendiert er stark zur FPÖ. Mein
Großvater ist ein überzeugter Freiheitlicher.
Der Jörg Haider kommt ja auch aus Goisern...
Von Goisern: Ja leider!
... obwohl er sich später zum Kärntner umgevolk
hat. Haben Sie ihn jemals kennengelernt?
Von Goisern; Ich kenne den Jörg nur vom Sehen,
eine richtige Bekanntschaft hat sich nie ergeben. Aber ich
kenne dem Jörg seinen Vater recht gut, mein Großvater
ist mit ihm befreundet, die beiden sind praktisch Nachbarn.
Wenn mein Großvater Geburtstag gehabt hat oder so, ist
der alte Haider immer herübergekommen und hat ein bisserl
mitgefeiert.
Was für ein Mensch ist er denn, der alte Haider?
Von Goisern: Ein unverbesserlicher Nazi, unglaublich,
was für ein Nazi das ist. "Du wirst sehen",
hat er vor zwei, drei Jahren einmal zu mir gesagt, "die
Geschichte wird dem Nationalsozialismus schließlich
recht geben." Und das sagt der nicht verhärmt oder
bitter, sondern mit einem Lächeln der Überzeugung.
Also, der ist noch immer vom Hitler überzeugt.
Und der Jörg?
Von Goisern: Also, ich weiß genau, aus was für
einer Ecke der Jörg kommt. Der Jörg hat mit der
politischen Einstellung seines Vaters nie gebrochen.
Hubert, was für eine Art von Musik haben Sie als
Bub gehört?
Von Goisern: Blasmusik und Operetten. Bei uns zu Hause
ist den ganzen Tag das Radio gelaufen, Ö-Regional. Und
da hab' ich oft das "Wunschkonzert" und solche Sendungen
gehört, das hat mich ziemlich geprägt. Lehar, Strauss,
ein paar leichtere Opernsachen...
Interpretiert von Rudolf Schock!
Von Goisern: Ja, genau. Fritz Wunderlich haben wir
auch viel gehört zu Hause.
Was war mit den Stones, den Beatles?
Von Goisern: Die kamen erst später. Die Beatles
waren ein ganz einschneidendes Erlebnis. Ich kann mich an
eine kleine Szene bei uns zu Hause erinnern: Im Radio läuft
"Rock'n Roll Music" und mein Vater sagt: "Des
horcht si jo an, ois wann die Platten hängablieben waaa."
Ich war damals schon voll drauf. Ich hab' gesagt: "Wahnsinn,
a total neia Sound!"
Die Menschen in Goisern waren auf die Beatles nicht so
gut zu sprechen?
Von Goisern: Nein, überhaupt nicht. Und das hat
meine Faszination noch verstärkt. Ich hab' mir gedacht:
Das muß ja ganz was Schräges sein, wenn alle so
schimpfen.
Was kam nach den Beatles?
Von Goisern: The Who, John Mayall, Pink Floyd.
Wann haben Sie selber zu Musizieren begonnen?
Von Goisern: Mit zwölf hab' ich bei der Blasmusik
angefangen. Trompete.
Ihre Blasmusik-Karriere ist dann recht abrupt zu Ende
gegangen, habe ich gelesen...
Von Goisern: Ja, das stimmt, ich hatte schwere Differenzen
mit dem Kapellmeister, ich war zu widerspenstig. Bei der Blasmusik
mußt du erst einmal zehn Jahre dienen, bevor du den
Mund aufmachen darfst. Und die Trinkkultur hat mir auch nicht
behagt.
Das Saufen nach der Probe.
Von Goisern: Gesoffen hat man überall, nach der
Probe, während der Probe, vor der Probe und bei den
Konzerten sowieso.
Wie beurteilen Sie das Goiserer Blasmusikwesen im Rückblick?
Von Goisern: Ich hab' dort unheimlich viel gelernt.
Es gibt in Goisern sieben, inzwischen, glaub' ich, nur mehr
sechs Kapellen, und nachdem ich rausgeschmissen wurde, bin
ich zu einer anderen Kapelle hin, und da gab es einen wahnsinnig
netten Kapellmeister, der hat zu mir gesagt: "I hab'
g'hört, du bist aussig'flog'n, also, wenn du willst,
kannst ein Instrument von uns hab'n." Der hat mich richtiggehend
protegiert.
Sie haben dann bei der anderen Kapelle mitgespielt?
Von Goisern: Nein, überhaupt nicht. Die haben
mir einfach nur das Instrument zur Verfügung gestellt.
Das Ganze war insofern verschärft, als dieser Kapellmeister
schwul war. Das hat jeder in Goisern gewußt, aber wehe,
wenn du das ausgesprochen hättest, dann wäre der
Bär los gewesen! Auf jeden Fall haben alle in Goisern
geglaubt, daß ich auch schwul wäre.
Sind Sie's?
Von Goisern: Nein. Ich hab' das damals halt einfach
nicht abgeschnallt.
Sie haben dann acht Jahre im Ausland verlebt, in Afrika,
Asien, Kanada. Wie muß man sich den Hubert von damals
vorstellen. Als Tramper mit Rucksack und Gitarre?
Von Goisern: Nein, überhaupt nicht. Ich habe
meine sieben Zwetschken zusammengepackt, einen Koffer, eine
Reisetasche, einen Kelomat, alles halt, wovon ich geglaubt
habe, daß ich's irgendwann brauchen kann, und ich hab'
gewußt, ich fahre jetzt nach Johannesburg und checke
mir dort eine Arbeit. Ich wollte nicht als Tourist fahren,
sondern ganz normal arbeiten und mit den Leuten leben.
Die Apartheid in Südafrika hat Sie nicht gestört?
Von Goisern: Nein, ich war ein naives Bürscherl
damals. Ich hab' gar nicht gewußt, daß es sowas
wie Apartheid gibt. Später war ich in Rhodesien, Mocambique,
Swaziland, Botswana, Kanada, Nepal und auf den Philippinen.
Welche Jobs haben Sie dort gemacht?
Von Goisern: Ich war Chemielaborant und Handelsreisender,
in Toronto habe ich dann eine Zeitlang Ski verkauft, in einem
Sportgeschäft.
Es heißt, Sie hätten ein gewisses Faible für
esoterische Themen. Stimmt das?
Von Goisern: Esoterisch das ist so ein Modewort,
das hat so einen Beigeschmack von oberflächlich, und
das will ich nicht sein. Ich glaube an Gott, aber ich bin
kein religiöser Mensch, weil ich mit Religion nichts
am Hut habe. Ich bin ein spiritueller Mensch.
Versteh ich nicht. Sie sind nicht religiös, aber
Sie glauben an Gott. Was soll das heißen?
Von Goisern: An den christlichen Gott kann ich nicht
glauben, weil der ist maskulin. Gott kann aber keinen Penis
haben. Mein Gottesbegriff läßt sich nicht definieren.
Ich meditiere viel, und da schwinge ich mich auf eine bestimmte
Ebene ein, das läßt sich eigentlich nicht ausdrücken.
Mitte der achtziger Jahre sind nach Wien zurückgekehrt,
Sie haben im "Roten Engel" gespielt. Wie war diese
Zeit?
Von Goisern: Das Publikum im "Roten Engel"
ist wahnsinnig mühsam, es gibt kein mühsameres Publikum
als das im "Roten Engel".
Warum denn?
Von Goisern: Die meisten Leute dort sind Selbstdarsteller.
Die interessieren sich gar nicht dafür, was oben auf
der Bühne passiert, die wollen einfach nur quatschen
und sich jemanden aufreißen. Also, daß man diese
Leute zum Zuhören bringt, ist schon eine harte Schule.
Sie sind auch als Straßenmusikant aufgetreten.
Von Goisern: Ich habe auf der Kärntner Straße
gespielt, weil's mir Spaß gemacht hat. Ich hab' dort
gespielt, was ich wollte, es gab keinen Chef, der mir dreingeredet
hätte, der etwa gesagt hat, spiel mehr Blues oder sowas.
Und das hat mir wahnsinnig viel gebracht. Ich hab' auf der
Kärntner Straße auch meinen Plattenvertrag abgeschlossen:
Eines Tages ist der Willi Schlager von CBS dahergekommen,
hat mir seine Visitenkarte in die Hand gedrückt und gesagt:
"Ruf mich an, mach' ma was!"
Welche Art von Musik haben Sie dargeboten?
Von Goisern: Ich hab' Knopferlharmonika gespielt,
traditionelles Liedgut, allerdings in der Manier eines Menschen,
der Knopferlharmonika nie gelernt hat. Ich hab' mich geweigert,
zu einem Ziehharmonika-Lehrer zu gehen.
Warum?
Von Goisern: Weil ich nicht so spielen wollte wie
alle.
Sie haben sich das Knopferlharmonika-Spielen autodidaktisch
beigebracht?
Von Goisern: Ich habe mir alles selber beigebracht.
Ich hab' das Instrument auf eine Weise in die Hand genommen,
wie's überhaupt noch nie jemand in die Hand genommen
hat.
Die Volksmusik hat in unseren Breiten ein bißchen
den Beigeschmack des Konservativen. In Ländern wie Griechenland
oder Italien ist das anders, da steht die Volksmusik in einer
rebellischeren Tradition.
Von Goisern: Diese rebellische Tradition hat's auch
bei uns gegeben. Erst in der Nazi-Zeit, als die Volksmusik
total verhurt worden ist, hat sich das geändert. Seither
ist das Jodeln und das Knopferlharmonika-Spielen bei den jungen
Leuten unten durch. Auch die fünfziger Jahre haben das
ihre dazugetan, die Volksmusik zu verschandeln: Damals kam
der volkstümliche Schlager auf...
Mariandl, andl, andl.
Von Goisern: Genau, durch solche Verkitschungen ist
die Volksmusik völlig diskreditiert worden. Ich glaube
nur, daß man heute keinen Bogen mehr um die Volksmusik
zu machen braucht. Die Volksmusik an sich hat nichts Reaktionäres,
sie hat etwas Traditionelles, das ist ein Unterschied. Ich
selbst bin ein traditionsverbundener Mensch, mir gefällt
diese Art von Musik. Ich bringe halt einen Schuß Anarchie
hinein. Auf diese Art entsteht etwas Neues.
Von Goisern: Sie haben einmal gesagt: "Man darf
die Volksmusik nicht der Rechten überlassen."
Von Goisern: Genau.
Was sagen die Leute vom "Goiserer Viergesang"
zu Ihrer Musik?
Von Goisern: Die sind begeistert.
Das verstehe ich nicht. Ich meine, Sie bringen doch den
Rap ins Jodeln!
Von Goisern: Na ja, ganz ihr Geschmack ist das natürlich
nicht. Aber man muß sich auch einmal vorstellen: Ihr
ganzes Leben lang sind die Leute vom "Goiserer Viergesang"
vor älteren Leuten aufgetreten, da war kaum ein Junger
im Publikum. Und heute müssen sie erleben, wie ihre Tradition
dahinstirbt, buchstäblich ausstirbt, die "Simon-Geigenmusi"
zum Beispiel, die gibt's gar nimmer. Die freuen sich natürlich,
daß sich da jemand ihrer Tradition annimmt.
Sie kennen die Leute vom "Goiserer Viergesang"
auch persönlich?
Von Goisern: Ja freilich, einmal hab ich den Neuper
vom Viergesang gefragt, ob er mir den "Kuamöcha-Jodler"
beibringt...
Den WAS?
Von Goisern: Den "Kuh-mel-cher-Jodler".
So wie sie ihn singen. Weil, der Viergesang singt ihn einfach
traumhaft. Das ist pure alpine Mystik, wenn'st das hörst.
Können Sie den "Kuamöcha-Jodler" inzwischen
schon?
Von Goisern: Nein, der Neuper hat gesagt: "Das
hat keinen Sinn, Hubert. Du mußt ihn singen, wie du
ihn singst. Ich kann dir nichts lernen, beim Jodeln gibt's
kein Falsch und Richtig." Also, die nehmen mich schon
ernst. Letztlich hab' ich das Gefühl, daß mir der
Goiserer Viergesang irrsinnig dankbar ist.
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In gekürzter Fassung erschienen in "Die
Presse", Wien, 20. Februar 1993.
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