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Interviews\Mario Vargas Llosa
(2001)
"ICH BIN EIN LIBERALER DEMOKRAT"
MARIO VARGAS LLOSA über seinen Roman "Das Fest
des Ziegenbocks", den dominikanischen Diktator Rafael
Leonidas Trujillo und seine politischen Präferenzen in
Europa
Von Günter Kaindlstorfer
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| Mario
Vargas Llosa |
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Im Suhrkamp-Verlag ist soeben Ihr Roman "Das Fest
des Ziegenbocks" erschienen. Sie beschreiben in diesem,
wie ich finde, glanzvollen Buch Aufstieg und Fall Rafael Leónidas
Trujillos, eines der blutrünstigsten Diktatoren des 20.
Jahrhunderts. Was hat Sie an der Figur Trujillo interessiert?
Vargas Llosa: Trujillo war nicht nur ein brutaler
und gewissenloser Diktator, wie es viele gab in Lateinamerika,
er war auch ein Komödiant, ein Clown. Er liebte Zeremonien
und Ordensgepränge, er hatte eine zwanghafte Obsession
für Etikette und Formen, das gab seinem Regime eine spezielle
Note. Es war ein Comics-Regime, eine Mischung aus Brutalität
und Farce, sehr verrückt auf gewisse Weise. Das macht
die Trujillo-Ära natürlich sehr, sehr attraktiv
für einen Romancier.
Sehen Sie Trujillo als prototypischen Diktator?
Vargas Llosa: Ohne Zweifel. Er war sogar mehr als
ein Prototyp. Er war der emblematische Diktator. Und zwar
in dem Sinne, daß alles, was an einer Diktatur schlecht
ist, auch bei Trujillo zu finden war, aber ins Extreme übersteigert,
durch die Person Trujillo.
Ist es legitim, ihn mit Fidel Castro zu vergleichen?
Vargas Llosa: Es gibt Ähnlichkeiten, auch wenn
die beiden eine absolut konträre politische Rhetorik
verwenden. Trujillo hat sich als antikommunistischer Führer
verstanden, als Verteidiger der westlichen Welt und der christlichen
Zivilisation. Fidel Castro gibt den Sozialisten, den Kommunisten.
Aber das ist Rhetorik, nicht mehr. In wesentlichen Dingen
sind sich die beiden sehr ähnlich: Ich meine die völlige
Abwesenheit von Skrupeln, ich meine die Mißachtung der
Menschenrechte, ich meine die absolute Kontrolle über
alle Lebensbereiche, die sie anstreben. Vielleicht ist der
wichtigste Unterschied zwischen den beiden, daß Trujillo
nur 31 Jahre lang regiert hat, während Castro nach mehr
als vier Jahrzehnten noch immer an der Macht ist und sich
bester Gesundheit erfreut.
Wie wichtig ist das Phänomen des Machismo, wenn man
das "System Trujillo" verstehen will?
Vargas Llosa: Oh, das ist zentral für das Verständnis
seines Regimes, der Machismo hat seiner Diktatur eine ganz
besondere Note gegeben. Trujillo hat Sex als Machtinstrument
benutzt, für ihn war das Geschlechtliche nicht so sehr
eine Quelle des Vergnügens, er hat es vor allem eingesetzt,
um seine Macht, seine Potenz zu demonstrieren. Einer der perverstesen
Aspekte seiner Persönlichkeit war wohl, daß er
mit den Frauen seiner Minister schlief, um sie fertig zu machen.
Er ließ sich auch die minderjährigen Töchter
seiner Mitarbeiter zuführen, um sie persönlich zu
entjungfern. Das tat er nicht so sehr, weil er Genuß
daraus bezogen hätte, es ging ihm um etwas anderes: Er
wollte die ohnehin zur Kollaboration Entschlossenen noch einmal
demütigen, er wollte ihnen zeigen, daß er der Chef
ist, daß er ins Bett gehen kann, mit wem er will, wann
immer er will. So etwas hat es meines Wissens nach in keiner
anderen Dikatur gegeben. Es war Machismo in seiner schlimmsten,
unappetitlichsten Ausformung.
Aber seine Minister haben mitgespielt, auch ihre Frauen,
ihre Töchter haben mitgespielt.
Vargas Llosa: Sie haben sich der Macht des Diktators
unterworfen. So läuft es in einer Diktatur einer
befiehlt die anderen kuschen.
Trujillos Untertanen haben nicht nur gekuscht. Sie haben
den Diktator auch bewundert, ja, vielleicht sogar geliebt.
Vargas Llosa: Trujillo war ein populärer Diktator,
das stimmt. Damit ist er kein Einzelfall: Auch andere Gewaltherrscher
wurden von ihren Völkern geliebt ein trauriges
Phänomen: Nicht nur in Lateinamerika, auch in Europa
sehnen sich bestimmte Teile der Bevölkerung nach charismatischen
Führerfiguren, denen sie sich unterwerfen können.
Diese Menschen akzeptieren es willig, zu Puppen, zu bloßen
Marionetten degradiert zu werden. Das war bei Trujillo der
Fall, aber das war auch bei Perron, Hitler und Franco zu beobachten.
Hannah Ahrendt hat gesagt: "Niemand hat das Recht
zu gehorchen."
Vargas Llosa: Ein schöner Satz, ein hübsches
Paradoxon. Ich stimme mit Hannah Ahrendt überein: Demokratische
Kultur kann sich nur mit selbstbestimmten Menschen entwickeln.
Aber leider gibt es ein weitverbreitetes Bedürfnis nach
kritikloser Unterwerfung unter charismatische Leader-Figuren,
Sie als Österreicher wissen vielleicht, wovon ich spreche.
In ihrem Land blüht das kulturelle Leben, die Wiener
Staatsoper, die Salzburger Festspiele sind weltbekannt, und
das mit Recht. Aber Kultur ist keine Garantie dafür,
daß das menschliche Bedürfnis, sich einem vermeintlich
Stärkeren zu unterwerfen, verschwindet. Im Gegenteil:
Einen Mann wie Haider konnte die ganze österreichische
Hochkultur nicht aufhalten.
Wären Sie ein guter Diktator?
Vargas Llosa: Gute Frage. Wie kommen Sie darauf?
Hat nicht jeder Romancier etwas von einem Diktator?
Vargas
Llosa: Sie meinen, weil er über das Schicksal seiner
Figuren bestimmt, weil er sich zum Herren über Leben
und Tod aufschwingt? Ich glaube nicht, daß das zutrifft.
Und wenn es zuträfe, kämen schlechte Romane heraus.
Ich versuche, meinen Figuren eine gewisse Eigenständigkeit
und Unabhängigkeit zu geben, sonst hätte der Roman
nicht die Kraft der Überzeugung, die er braucht. Es müssen
souveräne Menschen agieren, und keine Puppen, sonst kommt
nichts Gescheites dabei heraus. Als Leser würden Sie
dann ständig das Gefühl haben, daß etwas nicht
stimmt.
Wie sehen Sie die politische Situation in Peru im Moment?
Sind Sie befriedigt über das schmachvolle Ende Ihres
Widersachers Fujimori?
Vargas Llosa: Natürlich bin ich befriedigt über
den Kollaps des Fujimori-Regimes. Ich war ein systematischer
Kritiker dieses Herrn. Im Moment findet ein schwieriger Übergangsprozeß
zur Demokratie statt, soeben haben Präsidentschaftswahlen
stattgefunden, wie Sie wissen, Alejandro Toledo ist als Sieger
daraus hervorgegangen, und ich bin vorsichtig optimistisch,
was die politische Zukunft Perus betrifft. Zunächst müssen
die demokratischen Institutionen wieder aufgebaut werden.
Peru leidet nicht nur unter einer enormen Wirtschaftsflaute,
auch die zivilen Institutionen sind zerstört, die Justiz,
die politischen Parteien, auch das Militär. Es gibt eine
schwere Krise, eine wirklich schwere Krise.
Als Sie 1990 für die Präsidentschaft in Peru
kandidiert haben, träumten Sie von einer funktionierenden
Zivilgesellschaft in Ihrer Heimat. War das nur ein Traum,
oder gab¹s Fortschritte.
Vargas Llosa: Es gibt Fortschritte, aber die gehen
langsam vor sich. Ich denke dabei nicht nur an das Ende Fujimoris
in Peru, ich denke auch an den Regierungswechsel in Mexiko,
wo nach 75 Jahren Partei-Diktatur eine endlich politische
Wende stattgefunden hat. Mexiko ist ein wichtiges Land in
Lateinamerika, ich glaube, das kann Modellcharakter für
den gesamten Kontinent haben.
Wie würden Sie Ihre politische Position heute beschreiben?
Vor zehn, zwölf Jahren haben Sie sich als "konservativer
Liberaler" bezeichnet. Wie schaut das heute aus?
Vargas Llosa: Wenn Konservative Leute sind, die glauben,
daß die Modelle für zukünftige Entwicklungen
in den Ereignissen der Vergangenheit liegen, dann bin ich
sicher kein Konservativer. Ich würde mich als Liberalen
bezeichnen. Ich bin ein liberaler Demokrat. Ich glaube an
politische Freiheit und an ökonomische Freiheit als unverzichtbare
Ergänzung dazu, die beiden hängen zusammen.
Sie leben seit einiger Zeit in London. Wo schlägt
Ihr Herz, was die britische Innenpolitik betrifft?
Vargas Llosa: Die alten Kategorien funktionieren nicht
mehr wie früher. In Großbritannien unterstütze
ich Tony Blair und die Labour Party. Nicht, weil sie sozialistisch
wären, das sind sie nicht mehr, sondern weil sie liberale
Politik mit sozialem Augenmaß machen. Ich stimme wirtschaftspolitisch
mit Tony Blair bedingungslos überein: Er macht eine echte
liberale Politik mit hervorragenden Resultaten.
Ob die Resultate wirklich so hervorragend sind, darüber
kann man streiten...
Vargas Llosa: Der britischen Wirtschaft geht es hervorragend.
Und Labour pumpt eine Menge Geld ins Bildungssystem, in die
öffentliche Infrastruktur.
Wie sehen Sie die Situation in Italien? Vor einigen Wochen
ist der Medien-Magnat Silvio Berlusconi an die Macht gekommen.
Vargas Llosa: Ich bin wirklich besorgt über die
Situation in Italien. Daß ein Mann, der einen erheblichen
Teil der Massenmedien kontrolliert, jetzt auch Ministerpräsident
wird, ist ganz und gar unvereinbar. Da sehe ich eine ernste
Bedrohung für die demokratischen Institutionen. Also,
man wird sehr mißtrauisch beobachten müssen, was
da in nächster Zeit in Italien passiert.
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Das Interview wurde im Juni 2001 in der ORF-Sendung "Treffpunkt
Kultur" ausgestrahlt.
Buchhinweis:
Mario Vargas Llosa: DAS FEST DES ZIEGENBOCKS
Roman, Suhrkamp Verlag (2001), ISBN: 3518412329.
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