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Interviews\Marlene Streeruwitz
(1999)
"ISABEL ALLENDE PRODUZIERT POLITISCHEN STILLSTAND"
MARLENE STREERUWITZ über ihren Roman "Nachwelt.",
den Feminismus der späten Neunziger Jahre und ihr Verhältnis
zu Ballettstunden und Barbie-Puppen.
Von Günter Kaindlstorfer
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| Marlene
Streeruwitz |
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Sie haben den Ruf einer Männerhasserin, Frau Streeruwitz.
Ist Ihnen das angenehm?
Streeruwitz: Ach Gott, ich finde es rührend,
daß Patriarchatskritik immer noch von so vielen Männern
persönlich genommen wird. Patriarchatskritik ist Kulturkritik,
nicht die Kritik konkreter Männer.
Trotzdem, ich kenne ein paar Männer, die sich vor
Ihnen fürchten.
Streeruwitz: Reizend! Sie auch?
Eigentlich nicht. Ich finde Sie sympathisch.
Streeruwitz: Das freut mich. Wenn sich Männer
vor mir fürchten, dann sind das vermutlich Österreicher,
die vor einer gewissen Präzision des Ausdrucks zurückschrecken,
die denken immer gleich an Folterinstrumente, wenn eine Frau
ihre Überzeugungen klar und deutlich zum Ausdruck bringt.
Ich habe den Eindruck, daß eine unmißverständliche
Sprache, die nicht um ihren Gegenstand herumturnt, vielen
Menschen Schweißperlen auf die Stirn treibt. Das ist
eigentlich schade.
In Ihrem Roman "Nachwelt." befassen Sie sich
mit Anna Mahler, der Tochter Alma und Gustav Mahlers. Was
hat Sie an dieser Frau interessiert?
Streeruwitz: Ich muß Ihnen gestehen, daß
ich bis zu dem Zeitpunkt, da mir ein befreundeter Verleger
im Café Bräunerhof in Wien vorgeschlagen hat,
eine Anna-Mahler-Biographie zu schreiben, gar nichts von der
Existenz dieser Frau gewußt habe. Ich habe mich erst
nach Annahme des Auftrags mit ihrem Leben auseinandergesetzt.
Sie sind dann für Ihre Recherchen nach Los Angeles
geflogen.
Streeruwitz: Zunächst wollte ich Anna Mahler
in Spoleto in Umbrien interviewen, wo sie damals, in den späten
achtziger Jahren, als Bildhauerin lebte. Aber sie starb, bevor
ich nach Spoleto kam. Ich reiste also nach Los Angeles, wo
Anna Mahler lange Zeit als Exilantin gelebt hat, ich sprach
mit Freunden, Nachbarn und Bekannten, um mir ein Bild von
ihr zu machen.
Sie haben auch zwei Ihrer Ehemänner getroffen: den
Regisseur Albrecht Joseph und den Komponisten Ernst Krenek.
Streeruwitz: Das Gespräch mit Krenek war bezaubernd.
Ich plauderte mit einem alten, sehr kultivierten Herrn
nur: Die Unterhaltung hat nicht viel gebracht. Ernst Krenek
mußte zugeben, daß er mit einer Person verheiratet
gewesen war, von der er nicht wußte, was sie den ganzen
Tag über getrieben hatte.
Ihr Projekt, eine Anna-Mahler-Biographie zu schreiben,
ist letztlich gescheitert. Woran?
Streeruwitz: Es erschien mir unangebracht, ein Urteil
über ein ganzes Leben zu fällen. Das muß ein
zwangsweise hochmütiges Unterfangen sein. Außerdem
hat es widersprüchliche Aussagen über grundlegende
Fragen gegeben.
Zum Beispiel?
Streeruwitz: Meine Interviewpartner waren sich nicht
einmal darüber einig, ob Anna Mahler geraucht hat oder
nicht. Wenn schon in solchen Dingen keine Eindeutigkeit herzustellen
ist, wie soll man dann die Wahrheit über ein ganzes Leben
rekonstruieren? Das ist unmöglich. Eine Biografie zu
schreiben, muß immer eine Anmaßung bleiben.
Alle Biographen lügen?
Streeruwitz: In gewisser Weise schon. Wer Biographien
schreibt, behauptet ja unausgesprochen, die Wahrheit über
ein bestimmtes Leben zu erzählen. Das ist eine Fiktion.
Deshalb empfiehlt es sich immer, Biographien mit Vorbehalt
zu lesen.
Wie sehen Sie als Feministin die Person Alma Mahler-Werfels?
Streeruwitz: Für eine denkende Frau, die sich
mit Alma Mahler-Werfel auseinandersetzt, ist sie natürlich
eine Schreckensfigur. Ich habe den ganzen Alma-Rummel nie
verstanden. Ihr Lebenskonzept, sich über berühmte
Männer erlösen zu wollen du lieber Himmel!
Sie hat auch ihre Kinder nicht wirklich liebevoll behandelt,
das Muttersein war offenkundig ein lästiges Nebenprodukt
des Männerhabens. Ich finde diese Frau alles in
allem ziemlich unsympathisch.
Frau Streeruwitz, Sie haben in Ihren Büchern einen
eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt: Sie verwenden
kurze, atemlose Sätze, teilweise ignorieren Sie auch
die traditionelle Grammatik. Diese Kurzatmigkeit ist Ihr Markenzeichen
geworden. Manche Kritiker sagen: eine Marotte.
Streeruwitz: Das ist ganz und gar keine Marotte. Dahinter
steht ein klarer sprachkritischer Ansatz: Die Sprache darf
keine Einheit, keinen umfassenden Zusammenhang vorgaukeln.
Den gibt es nicht. Das ist weiß Gott keine neue Erkenntnis.
Möchten Sie dem Publikum mit Ihren Büchern Glückserlebnisse
verschaffen? Oder muß Literatur weh tun?
Streeruwitz:
Über eine gelungene Form stellt sich durchaus so etwas
wie Glück oder Vergnügen ein. Ich weiß nicht,
ob meine Bücher weh tun, ich finde, sie sind zum Teil
wirklich komisch, sie arbeiten mit einer sanften, aber scharfen
Situationskomik. Das finde ich wichtig. Ohne Kichern wäre
die Welt nicht zu ertragen.
"Der Alltag der Frauen wird in Deutschland als nicht
literaturwürdig betrachtet", haben Sie einmal behauptet.
Möchten Sie dem entgegenwirken?
Streeruwitz: Literatur muß sich mit dem Alltag
auseinandersetzen. Das ist meine feste Überzeugung. Im
Alltag passieren die spannendsten, auch die politisch wichtigsten
Dinge.
Das Publikum scheint das anders zu sehen: In jüngster
Zeit wird eskapistische Literatur offenbar stärker nachgefragt
als früher. Isabel Allende verkauft sich um Klassen besser
als, sagen wir, Gabriele Wohmann.
Streeruwitz: Um Verkaufszahlen kümmere ich mich
nicht. Ich genieße das Privileg, an ernsthaften Romane
zu arbeiten und nicht an Unterhaltungsliteratur. Bücher
wie die von Isabel Allende geben dem Publikum Auszeit, sie
führen die Leserinnen und Leser aus dem realen Leben
hinaus. Man versinkt im Ohrensessel und besteht das eine oder
andere Abenteuer, dann kehrt man ins eigene Leben zurück,
ohne daß sich dort auch nur das geringste verändert
hätte. Das ist genau jene Ästhetik, die politischen
Stillstand herstellt. Für mich hat das mit Entfremdung
zu tun.
Man kann es auch Katharsis nennen. Nach dem Ausflug in
die Fiktion kehrt man gereinigt, gestärkt, vielleicht
auch beglückt in die Wirklichkeit zurück. Man sieht
diese wieder mit frischem Blick.
Streeruwitz: Ich bestreite nicht, daß man bei
der Lektüre Isabel Allendes so etwas wie Glück empfinden
kann. Ein bißchen Katharsis wird schon stattfinden.
Aber eben nur ein bißchen. Und dann geht es dort weiter,
wo frau zu lesen begonnen hat. Zurück zu Punkt eins:
Wie das bei einer Katharsis eben so ist.
Im Kino gilt das Motto: "Eine Putzfrau will nach
zehn Stunden Arbeit nicht ins Kino gehen, um sich eine Putzfrau
bei der Arbeit anzuschauen."
Streeruwitz: Das mag schon sein. Ich will ja auch
nicht gegen jede Form von Unterhaltung polemisieren: Selbstverständlich
brauchen wir Unterhaltung, jeder Mensch will manchmal seinen
Spaß haben und die Schwere des Lebens hinter sich lassen,
keine Frage. Man soll dabei nur wissen, was man tut. Wenn
jemand das Bedürfnis hat, mit Isabel Allende oder Kevin
Costner in den siebten Himmel zu entschweben, dann soll er
oder sie das ruhig tun. Man sollte sich nur im klaren darüber
sein, daß es ein Ausflug ist, der mit den realen Gegebenheiten
nichts zu tun hat.
Wenn man "Gala" oder "Allegra" liest,
Frau Streeruwitz, stellt sich das Frauenleben ungeheuer aufregend
dar: Top-Karriere und Haushalt lassen sich da mühelos
unter einen Hut bringen, daneben findet frau auch noch Zeit
für fantastischen Sex. In Ihren Büchern nimmt sich
die Wirklichkeit deutlich anders aus.
Streeruwitz: Im Gegensatz zu den von Ihnen zitierten
Zeitschriften nehmen meine Romane keine Rücksicht auf
Werbeinserate. Deshalb darf ich ein bißchen wirklichkeitsnäher
schreiben als "Gala". Faktum ist, daß Frauen
in Mitteleuropa heute privilegierter leben denn je. Es ist
heute spannend, eine Frau zu sein, es gibt vieles, was das
Leben aufregend und lebenswert macht. Zugleich drücken
uns immer noch Relikte aus der Sklavinnenzeit Benachteiligungen,
Zurücksetzungen, unglaubliche innere Tragödien.
Das sollte man nicht aus dem Blick verlieren.
Der Feminismus war erfolgreich nicht erfolgreich
genug?
Streeruwitz: So ist es. Vor allem in der Erziehung
scheint wenig weitergegangen zu sein. Die kleinen Mädchen
werden weiterhin auf All-Liebe gedrillt, man trichtert ihnen
nach wie vor ein, das höchste aller Ziele sei es, von
der Umwelt lieb und nett gefunden zu werden. Auch Barbies
werden immer noch heiß geliebt. Da scheint sich wenig
geändert zu haben.
Trotzdem, die Girlie-Generation von heute wirkt selbstbewußter
als die Mädchen und Frauen früher.
Streeruwitz: Das stimmt. Die jungen Frauen sind heute
stolz auf ihr Frau-Sein, sie lassen sich weniger vorschreiben
als wir früher. Das ist ein Fortschritt. Ich sehe allerdings
auf den Spielplätzen nach wie vor die Einteilung in Buben-
und Mädchenbereiche, ich beobachte, daß es auch
in fortschrittlichen Kindergärten immer noch die geschlechtsspezifische
Einteilung in Bauklotz- und Schmuseecken gibt. In manchen
Bereichen müssen wir sogar Rückschritte verzeichnen.
In den Ober- und Mittelschichten zum Beispiel feiert die traditionelle
Mädchenerziehung eine echte Renaissance. Die Leute versuchen
wieder vermehrt, die Kultur der untergegangener Oberschichten
nachzuahmen. Mädchen werden wieder zum Ballett und zum
Reitunterricht geschickt, das ist ein Symptom dafür.
Was haben Sie gegen Reitunterricht?
Streeruwitz: Das Reiten hat eindeutig mit der Abschiebung
von Sexualität zu tun. Über diese Pferdegeschichten
findet eine Domestizierung von weiblicher Sexualität
statt.
Frau Streeruwitz, wenn man Sie nicht näher kennt,
machen Sie einen distanzierten, einige sagen auch: einen frostigen
Eindruck. Steckt hinter Ihrer kühlen Fassade der Wunsch,
sich vor den Zumutungen der Welt zu schützen?
Streeruwitz: Ein gefaßtes Äußeres
ist mir wichtig, das stimmt. Aber ich denke, daß aus
meinen Texten niemand auf einen distanzierten oder gar frostigen
Menschen schließen kann. Im Gegenteil, wer meine Bücher
aufmerksam liest, wird eine gewisse Leidenschaftlichkeit in
ihnen entdecken... Aber ehrlich gesagt, ich weiß gar
nicht, was an der Analyse meiner Person so schrecklich interessant
sein soll. Letzten Endes geht es doch nur um die Texte, finden
Sie nicht?
Doch.
Streeruwitz: Na, sehen Sie.
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In einer gekürzten Fassung erstmals erschienen in "Der
Standard", Wien, 25. September 1999.
Buchhinweis:
Marlene Streeruwitz: NACHWELT.
Roman, Fischer (1999), 398 Seiten, ISBN: 3100744241
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