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Interviews\Peter Rühmkorf
(1989)
"DIE PARISER PHILOSOPHEN SIND BANAL!"
PETER RÜHMKORF über die postmodernen Meisterdenker,
das Betörende an Gottfried Benn und sein Faible für
die Sozialdemokratie
Von Günter Kaindlstorfer
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| Peter
Rühmkorf |
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Im Bewußtsein der Öffentlichkeit galten Sie
zeit Ihres Dichterlebens als ungestümer junger Mann.
Wie fühlt sich der junge Mann, wenn er plötzlich
ein Alter erreicht hat, in dem seine Mitbürger in Rente
gehen?
Rühmkorf: Ja, wie fühlt er sich? Wenn ich
mir die Bücher ansehe, die ich als ganz junger Spund
geschrieben habe, und dann jetzt die neueren und neuesten
danebenhalte, kann mir schon mal der Schrecken ins Gebein
fahren. Weil ich zugeben muß, daß ich mich fast
gar nicht entwickelt habe. Aber vielleicht ist das ja auch
so eine Art von Entwicklung, daß man gegenüber
den sich jagenden Moden und Saisonen einigermaßen stabil
geblieben ist.
Sie haben einmal gesagt: "Ich habe viele Schlachten
verloren, aber nie meine Identität." Ein Befund,
den Sie heute noch aufrechterhalten?
Rühmkorf: Doch, ich glaube schon. Die Erfahrung
mit den verlorenen Schlachten ließe sich natürlich
bis in die letzten Tage weiterverfolgen. Gerade im Augenblick
werden wir bemoosten Altlinken natürlich mächtig
auf die Probe gestellt. Ich meine, man fragt sich doch allmählich,
was wir mit unserem Veteranenbegriff von Sozialismus noch
anfangen können. Da haben wir im bröckelnden Ostblock
doch so richtige Paprika- und Tomatenrepubliken, in denen
die Leute noch nicht mal Paprika und Tomaten zu kaufen kriegen,
das ist doch kein Zustand von Fortschritt ganz zu schweigen.
Ich glaube allerdings, daß das Gebröckel schließlich
auf Lockerheit und Freiheitlichkeit ausläuft und sich
manches in Richtung Sozialdemokratie entwickeln wird.
Das heißt aber auch: in Richtung Kapitalismus.
Rühmkorf: Nun läßt ja auch der real
existierende Kapitalismus die unterschiedlichsten Facetten
erkennen. Also, um es konkret zu sagen: Ich möchte mit
Sicherheit nicht als Neger in den New Yorker Slums leben,
aber eine Angestelltenexistenz in Schweden kann ich mir schon
vorstellen. Beides sind kapitalistische Modelle. Beides Möglichkeiten.
Wobei das Land der "unbegrenzten Möglichkeiten"
mir ziemlich impossible erscheint. Daß man im sich umstrukturierenden
Osten nicht gleich mit Volldampf auf kapitalistische Monopolbetriebe
zusteuert, finde ich absolut in Ordnung. Daß heute Großkonzerne
ganze Länder, Nationen, Militärpakte beherrschen
und die westlichen Großbanken uns zeigen wollen, wo
es mit der Demokratie langgeht, gehört bei mir nicht
zu den Hoffnungsprinzipien. Nein, darauf sollen die ruhig
mal verzichten. Aber im Mittelbau, beim mittleren Mittelstand,
da muß sich was ändern, da muß man die Entfaltungskräfte
von der Leine lassen. Auf dieses kleine Unternehmertum, auf
diesen Unternehmergeist der Bauleute und Elektriker und Klempner
und Installateure und Schuster und Schneider und Bäcker
und Maler und Tapzierer hat noch keine Zivilisation der ganzen
Weltgeschichte verzichten können. Dies energische Vorwärtsstreben
auf einer mittleren Ebene darf auch einen sozialistischen
Staat nicht genieren. Im Gegenteil: Da sitzen die wirklich
hüttenbauenden und staatstragenden Kräfte.
Peter Rühmkorf war immer ein politischer Autor, ein
Streiter für die Aufklärung. Nun waren die achtziger
Jahre kein besonders gutes Dezennium für solche Autoren.
Würden Sie das auch so sehen?
Rühmkorf: Nicht so ganz. Nicht ganz so. Meine
eigene Schreibertätigkeit wird von zwei Antrieben gespeist,
einem tagespolitisch-prosaischen und einem etwas weltenthoben-poetischen.
Hier der Besen dort der Pinsel, um es mal in einem Bild
zu sagen.
Mit dem "Besen" meinen Sie Ihre Essays?
Rühmkorf: Nun ja, "Essays", das klingt
mir fast ein bißchen zu edel. Ich schreibe Reden. Aufsätze.
Leit- und Streitartikel. Ich trete in Wahlversammlungen auf
und steig' da sozusagen in die Bütt. In unserer bundesdeutschen
Parteiendemokratie trommel oder pfeif' ich seit einigen zig
Jahren für die Sozialdemokratie, so einfach ist das.
Auf Ihr politisches Engagement werden wir später
noch zu sprechen kommen. Bleiben wir zunächst bei den
beiden Seelen in Ihrer Brust...
Rühmkorf: Die Seele des Poeten und die Seele
des politischen Gemeinschaftswesens. Die eine schätzt
nicht immer, was die andere treibt, und manchmal kriegen sich
die beiden ungleichen Schwestern auch richtig in die Wolle.
Sie sind weiß Gott nicht der erste deutsche Schriftsteller,
der mit dieser Gespaltenheit leben muß.
Rühmkorf: Nein, das ist ein altes Widerspruchspaar
in unseren Breiten besonders durch Heinrich Heine bekannt
geworden. Der Poet lechzt nach unbegrenzter, individueller
Entfaltungsfreiheit, und der politische Gemeinschaftsmensch
predigt Gleichheit und Gerechtigkeit da muß man manchmal
ein beschwörendes "Brüderlichkeit" dranhängen,
drübersprechen.
Was Ihre politischen Präferenzen angeht, stehen Sie
der SPD nahe, wie Sie schon sagten. Haben Sie nie daran gedacht,
Ihre Sympathien ein bißchen ins Grüne abdriften
zu lassen?
Rühmkorf:
Meine eigene politische Sozialisation hat sich mit ein paar
Extratouren nach dieser oder jener Seite in sozialdemokratischen
Geleisen vollzogen, obwohl "Geleise"? Sagen wir
mal, ich habe mich in kritischer Nähe zur SPD bewegt,
und weil ich kein Mitglied bin, nie war, hab' ich diese Nähe
nie als klebrig, klettig empfunden. Was die Grünen angeht,
so hab ich lieber 'n bißchen auf Distanz gehalten. Wissen
Sie, das war zeitweilig doch ein ziemlich wilder Hummelschwarm,
um nicht gar von Wespen zu reden. Sie haben mich immer ein
bißchen an die 67er, 68er Apo-Szene erinnert, die ich
nicht in der allerbesten Erinnerung habe. Wer Politik sagt,
der muß auch in Strukturbegriffen denken. Wer in parteipolitischen
Strukturen denkt, muß in Mehrheitsdemokratien auch Disziplin
und manchmal die Schnauze halten können. Und er muß
so seltsam das jetzt klingt auch den nötigen Sinn
für überragende politische Bejahungen entwickeln.
All das heißt jetzt nicht, daß ich den Grünen
nicht eine ganze Menge Sympathien entgegenbringe. Die rot-grünen
Bündnisse in Berlin und Frankfurt betrachte ich mit interessiertem
Wohlwollen. Wenn ich sehe, wie der einstmals vielseitig reizbare
und leichtfertig sprungbereite Dany Cohn-Bendit auf einmal
den feinfühligen Multikulturreferenten macht, wird mir
beinahe warm ums Herz. Das heißt, diese Nummer scheint
mir wirklich erbaulich und Erbaulichkeit hat mit Bauwillen
und Struktur zu tun, um das nochmal zu wiederholen.
Ihre poetische Mannwerdung, wenn ich das so formulieren
darf, haben Sie vor allem auch mit Gottfried Benn erlebt.
Wie geht das zusammen? Der linke Jung-Dichter und der reaktionäre
Groß-Lyriker?
Rühmkorf: Das hängt dann wieder mit den
oben erwähnten zwei Seelen zusammen. Ich blicke auf Benn
zurück wie etwa Heinrich Heine auf Goethe zurückblickte
gewissermaßen ehrfurchtsvoll. Heine konnte Größe
verehren, ohne gleich auf den Pfennig zu gucken. Er hat gesagt,
Goethe ist als Dichter zu groß, um aus demokratischen
Gleichheitserwägungen an ihm rumzuschmirgeln. Sehen sie,
und ein vergleichbares Verhältnis habe ich zu Gottfried
Benn. Er hat sich EINMAL auf das Feld der Politik gewagt und
sich sofort radikal in der Adresse geirrt was natürlich
jeden Liebhaber peinigt , aber er ist doch gleichzeitig der
ganz große Seelendoktor, Handaufleger und Beschwörungskünstler,
das kann man gar nicht oft genug sagen. Benn kann das, was
von zigtausend Künstlern nur ganz wenige können:
mit magischer Stimme auf den Menschen einreden, daß
er sich vom Kopf bis in die Eingeweide ergriffen fühlt.
Und von was ergriffen? Ich will es Ihnen sagen: Benn hat ein
großes Thema immer wieder auf dem Tapet gehabt das
Leiden am Bewußtsein, den eigentlich modernen Dachschaden.
Und da spricht er dann sein so einfaches wie überweltliches
Heile-heile-Segen drüber: "Komm, reden wir zusammen,
wer redet, ist nicht tot." Das Leiden am Bewußtsein,
Gottfried Benn ist genau der richtige Wunderdoktor dafür.
Ich könnte Ihnen als solchen Großdrogisten natürlich
auch Ihren Georg Trakl nennen. Der erscheint beim ersten Hinhören
nur negativ, und alles ist melancholisch verhangen und zieht
nur hinab. Aber wer sich einläßt auf diese wundervollen
Wahnsinnsmelodien, der wird nein, eben nicht wahnsinnig,
sondern verstanden und getröstet und aufgehoben.
Sie haben Ihre Jugendzeit in den fünfziger Jahren
verlebt. Wie war das damals?Sie haben sich einmal über
die "Kühlschrankmoral" lustig gemacht, die
damals geherrscht hat.
Rühmkorf: Na ja, die fünfziger Jahre waren
kein einheitlicher Zeitblock. Rückblickend sehe ich eine
ziemlich bunte Mischung aus Bedrückungen und Hoffnungen.
Politisch, gesellschaftlich gesehen, empfanden wir sie als
restaurative Dunstglocke, was sie sicher waren. Sie waren
aber auch unsere wilden Jünglings- und Aufbruchsjahre.
Wir drückten ja noch die Unibänke, entwickelten
unser eigenes gesellschaftliches Leben und setzten der großen
Gesellschaft unseren selbstgemachten Begriff von Geselligkeit
entgegen es war gar kein Begriff, es war unser wirkliches
Handeln und Treiben. Wir versuchten, den Stickmief zu durchdringen
auf dem Kabarett, in unserer Studentenzeitung "konkret".
Statt uns paralysieren zu lassen, haben wir mächtig in
die Gesellschaft hineingefunkt.
In den achtiger Jahren ist die von Ihnen so inbrünstig
repräsentierte Aufklärung, vor allem von Paris aus,
kräftig unter Beschuß gekommen.
Rühmkorf: Das ist eigentlich gar nicht mein Problem.
Die späten sechziger Jahre waren natürlich bewegter.
Von uns her gesehen auch enthusiastischer, furioser. Dann
folgten aber sehr bald die desillusionierenden Siebziger,
die Enttäuschungs- und Vereinzelungsjahre, und jetzt
gehen die Achtziger schon wieder auf ihr Ende zu, und die
werden doch wir sprachen vorhin davon immer wirbeliger.
Diese französischen Philosophen halte ich übrigens
für so eloquent wie banal. Auch gefährlich, das
sicher. Das sind doch alles reicher Leute Kinder, die sich
aus neuem kaltem Krieg und krudem Antikommunismus eine Zeitlang
einen guten Tag gemacht haben. Bloß, denen fallen jetzt
langsam die gezinkten Karten aus der Hand, woll'n mal sehen,
auf was für hirnrissige Gedanken die fürderhin kommen.
Egal, das ist überhaupt nicht mein Problem. Ich bewege
mich, seit ich politisch denken kann, auf dem Boden der Sozialdemokratie,
was von der Weltuntergangswarte her vielleicht primitiv erscheint,
aber Kontinuität ist doch eigentlich ein guter und rarer
Artikel. Wirklich praktisch gesehen, erkennt man auch überall
Hoffnungsschimmer. Im Bundesland Schleswig-Holstein ist es
etwa gelungen, die reaktionäre Barschel-Mafia abzulösen.
In dem für mich zuständigen Stadtstaat Hamburg haben
wir es durch gehörige Werbetätigkeit wenigstens
zu einem sozialliberalen Bruch gebracht. Und in Frankfurt
und Berlin leuchten die rotgrünen Kokarden doch auch
ganz hübsch. Ich habe ja auf vielen Wahlversammlungen
mein Scherflein beigetragen und weiß, wovon ich spreche.
Das sind ehrenamtliche Tätigkeiten, für die einen
niemand bezahlt oder belohnt. Aber darum geht es ja gar nicht.
Es geht darum, was man politisch will. Und wenn das praktisch
sogar hier und da aufgeht, gibt's keinen Grund zum Schwarzsehen.
Für utopische Ansprüche bleibt da wenig Platz.
Rühmkorf: Doch, doch das sind für mich
bereits utopische Ansprüche. Sie laufen bloß nicht
auf ein Sankt-Nimmerleins-Land zu, sondern auf den nächsten
Wahltermin.
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Erschienen in "Arbeiterzeitung", Wien, 27. Oktober
1989.
Buchhinweis:
Peter Rühmkorf: TABU 1 TAGEBÜCHER 1989-1991
Rowohlt Tb. Verlag (1997), ISBN: 3499221535.
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