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Interviews\Marcel Prawy (1998)
"ICKE BINÄ EINE ALTE TENORE"
MARCEL PRAWY über Michael Jackson, den Sex-Appeal von
Richard Wagner und das komfortable Leben im Hotel Sacher
Von Günter Kaindlstorfer und Klaus Kamolz
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| Marcel
Prawy |
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Herr Prawy, jetzt werden Sie auch noch Schauspieler. Im
neuen "Tatort" spielen Sie einen alten italienischen
Opernsänger. Wie legen Sie ihn an?
Prawy: Icke binä eine alte Tenore und lebe in
die Altersheime. Jede Sommer icke habe gesunge an die Mare
Adriatico, in Jesolo, in Lignano, einemale sogar in Grado.
Perfekt, die Rolle scheint Ihnen auf den Leib geschrieben
zu sein.
Prawy: Ich hab' sie selber geschrieben, ich wollte
mir ein wenig Farbe geben, obwohl es nur eine kleine Rolle
ist. Und in der Maske mit dem schmalen aufgeklebten Schnurrbart
bin ich praktisch nicht zu erkennen.
Karl Löbl hat seinen Abschied als Kritiker im Fernsehen
eingereicht. Wird er Ihnen fehlen?
Prawy: Er hat seine Aufgabe phantastisch erfüllt,
aber ich verstehe, daß er nicht mehr weitermachen will.
Wir haben eine Stunde miteinander telefoniert, nachdem er
seine Entscheidung gefällt hat. Er denkt über seine
Stellung anders als ich über meine. Er hat gesagt: "Ich
gehe, bevor ich altmodisch werde."
Empfinden Sie sich denn als altmodisch?
Prawy: Ich habe damit keine Probleme. Ich biete mich
nicht an, aber solange interessante Angebote an mich herangetragen
werden, sage ich den Leuten sicher nicht: Bitte, offerieren
Sie mir das nicht, ich bin alt und obendrein altmodisch.
Wie ist Ihr Verhältnis zur Popmusik?
Prawy: Ich schwärme nicht für Leute wie
Michael Jackson, aber man muß sie ernst nehmen.
Finden Sie Michael Jackson gut?
Prawy: Gut finde ich andere Leute, Frank Sinatra,
Bing Crosby und Udo Jürgens zum Beispiel. Aber auch Michael
Jackson hat ohne Zweifel seine Qualitäten, ich studiere
die Gründe für seinen weltweiten Erfolg.
Zu welchem Schluß sind Sie gekommen?
Prawy: Er ist der Prototyp des After-Sex-Sängers.
Das müssen Sie näher erläutern.
Prawy: Er singt für die jungen Leute, die eben
miteinander geschlafen haben. Und das ist ja eine große
Zahl heute, nicht wahr. Das Hauptthema der Oper ist die Zeit
davor, die Werbung, das Liebeslied. Bei Michael Jackson ist
das ersetzt durch die After-Sex-Musik. Wir haben es da mit
einer höchst interessanten Entwicklung zu tun, man darf
das nicht verachten.
Wie kommen Sie darauf, daß Jacksons Musik erst nach
dem Sex ihre Wirkung entfaltet? Nach dem Sex sind die Menschen
doch meistens müde.
Prawy: Sind Sie müde während des Sex?
Nein, aber nachher.
Prawy: Und wann hören Sie Jackson?
Eigentlich gar nicht.
Prawy: Schau'n Sie, jetzt werde ich Ihnen einmal erklären,
was sexy Musik ist: Richard Wagner "Tristan und Isolde".
Das ist sexy Musik. Im Fall von Michael Jackson reden wir
doch über einen Zwerg. Mag sein, daß er ein großer
Zwerg ist, aber eben doch ein Zwerg. Wenn wir von Riesen sprechen
wollen, müssen wir über Wagner reden.
Gibt es auch in der großen Oper After-Sex-Musik?
Prawy: Nein, mit dem Ende des Liebeswerbens hat Musik
jeder Form ihre Substanz verloren.
Kann so etwas wie große Oper heute noch geschaffen
werden?
Prawy: Die Oper ist ein Relikt der Vergangenheit.
Als schaffende Kunstform hat sie seit sechzig Jahren keinen
Welterfolg mehr gehabt. Mich beunruhigt das nicht besonders.
In der Architektur ist es ja nicht anders: Warum werden keine
Pyramiden und keine barocken Schlösser mehr gebaut? Ich
will es Ihnen sagen: Weil die Zeit eine andere ist. Und trotzdem
stehen wir voll Bewunderung vor den Meisterwerken der Vergangenheit.
Sind Sie es nicht leid, ein und dasselbe Repertoire aus
der Vergangenheit immer wieder missionsartig zu propagieren?
Prawy: Dann schaffen Sie doch neue Welterfolge! Niemand
hindert Sie daran. Überall wird gefördert und beauftragt,
nur kommt halt wenig heraus. Statt abfällig von "ein
und demselben Repertoire" zu sprechen, sollte man doch
eher sagen: Welch ein Wunder, daß Menschen früher
solche Werke geschaffen haben.
Was zählt außer Musik in Ihrem Leben?
Prawy: Gute Freunde ... und Maroni.
Warum Maroni?
Prawy: Die habe ich wahnsinnig gern. Außerdem
hab' ich eine grenzenlose Obsession für Windbäckerei.
Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch der Welt, der das
Recht auf Windbäckerei vertraglich zugesichert bekommen
hat. Gemeinsam mit Christiane Hörbiger bin ich ja Ehrenpräsident
eines entzückenden kleinen Musikfestivals in Italien,
in Todi in Umbrien. In meinem Vertrag steht, daß im
Fall einer Meinungsverschiedenheit der beiden Ehrenpräsidenten
meine Meinung gilt und es steht auch drin, daß mein
Vertrag nur Gültigkeit hat, wenn die Konditorei gegenüber
dem Theater Windbäckerei führt. Voriges Jahr komme
ich in Todi an und sehe keine Windbäckerei in der Auslage
...
... worauf Sie als Ehrenpräsident sofort zurückgetreten
sind.
Prawy: Ich hab' gedacht, ich reise in der Früh
gleich wieder ab. Aber am anderen Morgen war die Windbäckerei
Gott sei Dank wieder da. Übrigens habe ich jetzt vom
Helmut Zilk zweihundert Stück Windbäckerei gekriegt,
als ich in seiner Sendung "Lebenskünstler"
eingeladen war.
Apropos Zilk: Halten Sie ihn für einen Spion?
Prawy: Blödsinn, dafür ist er viel zu ehrlich.
Außerdem spricht er zuviel.
Haben Sie je Kontakt mit einem Geheimdienst gehabt, Herr
Professor?
Prawy: Nie, aber ich werde Ihnen was Lustiges erzählen.
Als ich 1955 das Musical nach Wien gebracht habe, hat man
gesagt, ich sei ein amerikanischer Agent, weil ich die österreichische
Kultur mit diesem Schmarrn zersetzen will.
Als
Amerika-Liebhaber müßten Sie die Causa Clinton/Lewinsky
verfolgt haben. Was sagen Sie dazu?
Prawy: Schau'n Sie, der Clinton ist auch nach seiner
Verfehlung bei den Amerikanern noch ungeheuer populär.
Ich will Ihnen sagen, warum. Die ganze Welt liebt an berühmten
Leuten nicht die Perfektion, sondern die Fehler. Der große
Richard Tauber hat die hohen Töne nicht beherrscht, und
alle haben immer darauf gewartet, wie er sich diesmal um sie
herumschwindeln wird. Was Clinton betrifft, sagt so mancher:
Was soll's, dieselben Sünden begeh' ich doch auch.
Ließe sich aus dem Stoff eine Oper machen?
Prawy: Nein, für eine gute Oper ist Miss Lewinsky
leider zu uninteressant. Die arme Frau bringt jetzt nicht
einmal ihr Buch ordentlich an, weil der Starr-Report schon
alle Details enthält. Wenn der Clinton mit der Hillary
das Panscherl gehabt hätte und mit einer anderen verheiratet
gewesen wäre, ja das wäre eine phantastische Oper!
Erblicken Sie in der heutigen Welt irgendwo anders Opernstoffe?
Prawy: Nein, die Oper hat sich der Aktualität
immer widersetzt. Ihre Quelle liegt in den Empfindungen des
Herzens. Alle Versuche, eine Oper über die Osterweiterung
der Nato zu schreiben, sind zum Scheitern verurteilt.
Sie haben sich vor einigen Jahren im Hotel Sacher einquartiert.
Wie ist der Wohnkomfort?
Prawy: Hervorragend. Der Zilk hat mich in seiner Sendung
gefragt, ob ich ein Lebenskünstler sei. Natürlich,
habe ich geantwortet, ich lebe im Sacher und kann's mir nicht
leisten. Also bin ich einer.
Haben Sie keine Wohnung?
Prawy: Doch, aber die verwende ich als Lagerraum für
meine Bücher, meine Schallplatten. Wissen Sie, im Grunde
bin ich ein Feind von Wohnungen. Wir lieben alle unsere Wohnungen
nur, weil wir es uns nicht leisten können, im Hotel zu
leben. Wenn ich daran denke, daß sich manche Leute ein
Wochenendhaus in Brunn am Gebirge zulegen! Da wölbt sich
der gesamte Schrecken des Lebens über einem. Ich möchte
meinen Kopf, solange er funktioniert, dort einsetzen, wo ich
etwas zu geben habe. Ich möchte Opern studieren und mich
nicht mit verstopften Abflußrohren beschäftigen.
Dazu gibt es Rezeptionen. Die ruft man an und sagt: Bitte,
auf Zimmer 318 funktioniert das Klo nicht.
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Erschienen in "Format",
Wien, 16. November 1998.
Buchhinweis:
Marcel Prawy: MARCEL PRAWY ERZÄHLT AUS SEINEM LEBEN
Verlag Kremayr & Scheriau (1996), 336 Seiten, ISBN: 3218006244.
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