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Interviews\Postman (2000)
"DIDEROT, NICHT DERRIDA!"
Neil Postman über das Elend der Postmoderne, das Schreiben
mit Füllfeder und die Notwendigkeit einer neuen Aufklärung
Von Günter Kaindlstorfer
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| Neil
Postman |
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Mister Postman, fünfzig Prozent aller Amerikaner
glauben an die Existenz von Aliens in einem Zeitalter,
das sich für aufgeklärt hält. Wie ist das zu
erklären?
Postman: Die Leute haben ein gewaltiges Bedürfnis
nach Welterklärung und Sinnstiftung. Sie sehnen sich
nach einer "Erzählung", die ihnen ein Gefühl
von Sicherheit, von Kontinuität gibt. Die großen
Erzählungen der Vergangenheit haben ihre Macht verloren.
Deshalb suchen die Leute nach Alternativen. Sie glauben an
Aliens, die an der Eroberung der Weltherrschaft arbeiten,
sie glauben an den Teufel, der im Geheimen die Machtergreifung
auf Erden vorbereitet. Die Geschichten mögen obskur und
verschroben sein, aber sie zeigen den Menschen immerhin, wo
ihr Platz im Universum ist. Die Naturwissenschaft vermag das
nicht mehr zu leisten. Sie kann die fundamentalen Fragen der
Menschen nicht mehr beantworten.
Früher hatten die Leute Religionen und Ideologien,
an die sie glauben konnten. Was haben sie heute?
Postman: Eben, nichts. Deshalb schlage ich in meinem
neuen Buch ja vor, daß wir uns an die beflügelnden
Ideen der Aufklärung erinnern. Im 18. Jahrhundert sind
faszinierende Dinge geschehen. Kant hat die Befreiung des
Menschen aus seiner selbstverschuldeteten Unmündigkeit
gefordert, Montesquieu entwickelte revolutionäre Gedanken
zur Gewaltenteilung, Voltaire und Diderot unterzogen die institutionalisierte
Religion einer fundamentalen Kritik, und David Hume bereitete
die Grundlagen für die induktive Wissenschaft vor. Die
Aufklärer wollten nicht das Paradies auf Erden errichten,
aber sie entwickelten Ideen, die den Menschen ein besseres
Leben ermöglichen sollten nicht nur technologisch
und wissenschaftlich, auch politisch und sozial. Die meisten
Thesen, Gedanken, Philosophien, an denen sich unsere moderne
Welt orientiert, stammen aus der Zeit der Aufklärung.
Es müßte doch möglich sein, diese Ideen mit
neuem Leben zu erfüllen.
Glauben Sie wirklich, daß wir die Probleme des 21.
Jahrhunderts mit den Konzepten des achtzehnten lösen
können?
Postman (lacht): In der Tat, das glaube ich. Es gibt
nichts Neues unter der Sonne. Die wirklich wertvollen Ideen
werden niemals neu erfunden, wir kennen sie in der Regel bereits
aus den Konzepten und Ideen unserer Vorfahren. Und ich
sage Ihnen etwas: Wie in früheren Zeiten haben die Leute
auch heute ein enormes Bedürfnis nach Sinn, zumindest
hier in Amerika, und ich nehme an, daß es in Europa
nicht anders ist. Sie beginnen zu verstehen, daß technologische
Innovation nicht das wichtigste ist. Menschlicher Fortschritt
erfordert mehr als nur die permanente Weiterentwicklung von
Computern und digitalem TV.
Schön und gut, aber glauben Sie nicht, daß
die Ideen von Adam Smith und Immanuel Kant ein bißchen
altmodisch sind, wenn man sie mit den modernen Erkenntnissen
etwa von, sagen wir, Niklas Luhmann oder Richard Rorty vergleicht?
Postman: Ich glaube nicht, daß Adam Smith und
Kant veraltet sind. Luhmann und Rorty haben in gewissen Gebieten
Bedeutendes geleistet, gewiß, ich habe nichts gegen
sie. Aber ich habe etwas gegen die postmodernen Philosophen,
gegen Derrida, Lyotard, Baudrillard und all diese Leute. Deren
Bücher haben etwas zutiefst Deprimierendes. Die Idee,
daß man nicht mehr darauf vertrauen darf, daß
Sprache die Realität zu beschreiben vermag, die Idee,
daß alles relativ ist, daß es keine verbindlichen
Autoritäten mehr gibt, all das hat etwas Niederschmetterndes.
Dem setze ich die pluralistischen Konzeptionen der Aufklärung
entgegen. Ich glaube in der Tat, daß Diderot Derrida
vorzuziehen ist.
Besonders scharf gehen Sie in Ihrem Buch mit der SPRACHE
der Postmoderne zu Gericht.
Postman:
Das hängt mit dem dunklen, enigmatischen Stil zusammen,
den Derrida und seine Leute entwickelt haben. Die Sprache
der Postmodernisten ist in vielen Bereichen unverständlich,
oft sogar unsinnig, wie kluge Textinterpreten nachgewiesen
haben. Auch in dieser Beziehung halte ich es mehr mit den
Autoren des achtzehnten Jahrhunderts: Rousseau, Swift oder
Condorcet haben geglaubt, daß es möglich ist, zu
sagen, was man meint, zu meinen, was man sagt, und zu schweigen,
wenn man nichts zu sagen hat.
Derrida würde Ihnen jetzt "Naivität"
vorwerfen.
Postman: Soll er doch! Derrida hat keineswegs so revolutionär
neue Dinge entdeckt, wie er selbst vielleicht glauben. Seine
Idee etwa, daß man der Sprache nicht vertrauen darf,
ist weitaus älter als er selbst. Diese Sprachskepsis
geht auf die Zeit der Jahrhundertwende zurück.
Was vermag Sprache in Ihren Augen zu leisten, Herr Postman?
Postman: Man darf ihr natürlich nicht hundertprozentig
vertrauen, das wäre in der Tat naiv. Aber ich behaupte,
daß sie immer noch ein brauchbares Instrument ist, um
das zu verstehen, was man in Ermangelung eines anderen Begriffs
Realität nennen könnte. Wir haben nichts Besseres
als die Sprache. Ich werfe dem Postmodernismus aber nicht
nur seine Sprachskepsis vor, sondern auch seinen erkenntnistheoretischen
Relativismus.
Was heißt das?
Postman: Er behauptet, daß so etwas wie "Realität"
nicht existiere, daß sie lediglich ein soziales Konstrukt
sei.
Wo liegt das Problem?
Postman: Das Problem liegt in der postmodernen Behauptung,
daß es einen Unterschied zwischen "wahr" und
"falsch" nicht mehr gäbe. Diese Auffassung
muß schärfstens bekämpft werden. Natürlich
kann man tausend Worte machen auf französisch oder
in einer anderen Sprache um zu zeigen, daß alle
wissenschaftlichen Theoreme nur sprachliche Konstruktionen
ohne jeden Anspruch auf Wahrheit sind. Trotzdem bleibt es
dabei, daß bestimmte Theorien "wahrer" sind
als andere. Die Behauptung, daß das Blut durch den Körper
kreist, daß Aids die Menschen krank macht und der Mond
nicht aus grünem Käse besteht, ist einfach evidenter
als die Behauptung, daß Aliens die Machtübernahme
im Weißen Haus vorbereiten. Das wird sogar Monsieur
Derrida zugeben.
Herr Postman, Sie stehen im Ruf, ein Technikfeind zu sein.
Was sagen Sie dazu?
Postman: Dem widerspreche ich vehement. Etwas gegen
Technik zu haben, ist genauso, als hätte man etwas gegen
Essen. Wir brauchen beides zum Leben, Essen und Technik. Wenn
wir allerdings zu viel essen oder ungesunde Nahrung zu uns
nehmen, dann ist das schädlich. Und genauso verhält
es sich mit der Technik. Wir sollten sie benutzen und nicht
von ihr benutzt werden.
Auch in Ihrem Buch weisen Sie die Behauptung, ein Technikfeind
zu sein, entschieden zurück. Bei der Lektüre einzelner
Passagen hat man dann aber doch den Eindruck, daß Sie
einer sind.
Postman: Nennen Sie mir ein Beispiel!
Sie polemisieren gegen die Ausstattung amerikanischer
Schulen mit PCs.
Postman: Das hat mit der speziellen Situation in Amerika
zu tun. Es gibt in unserem Land wahrhaftig dringlichere Probleme
als die Ausstattung sämtlicher Klassenzimmer mit Computern.
In New York und anderen Städten gibt es zum Beispiel
immer noch Schulen, die zu wenig Stühle für die
Kinder haben. Das müssen Sie sich vorstellen! Ich meine
einfach, daß es in dieser Situation vordringlicher ist,
Stühle anzuschaffen als teure Computer. Ist das technikfeindlich?
Und wenn's genügend Stühle gäbe hätten
Sie dann was gegen Computer?
Postman: Nein, dann soll man Bill Gates meinetwegen
die Freude machen und ein paar Milliarden in die digitale
Hochrüstung der Schulen investieren.
Womit schreiben Sie Ihre Bücher, Mister Postman?
Postman: Mit der Füllfeder.
Und das wird auch so bleiben bis ans Ende Ihrer
Tage?
Postman: Ich weiß nicht genau. Meine Einstellung
zu diesem Thema ist pragmatisch. Vor einigen Tagen hat die
Verwaltung der New Yorker Universität mein Zimmer mit
einem PC ausgestattet. Ich habe nicht darum gebeten, das haben
die Jungs einfach so gemacht. Also, wenn ich jetzt an meinem
Schreibtisch sitze, habe ich ihn genau im Blick.
Werden Sie ihn auch benutzen.
Postman (zögert): Mal sehen. Ich werde ihn benutzen,
wenn ich feststelle, daß er mir in gewissen Dingen nützlich
ist. Wenn er das nicht tut, dann lasse ich ihn so stehen,
wie er jetzt dasteht.
Sie besitzen auch keinen Anrufbeantworter.
Postman: Nein, ich halte es einfach für unhöflich,
Menschen, die mich anrufen möchten, mittels einer Maschine
abzufertigen. Aus diesem Grund gibt es bei meinem Telefon
auch keine Anklopffunktion.
Herr Postman, Sie zählen in Ihrem Buch auch die Dichter
der Romantik zur Aufklärung. Ist das legitim.
Postman: Warum soll es nicht legitim sein?
Weil Romantik und Aufklärung sich ausschließen.
Postman: Finde ich nicht.
Man kann doch nicht Anhänger von beidem sein! Es
ist ja zum Beispiel auch unmöglich, gleichzeitig Fan
der "New York Yankees" und der "Mets"
zu sein.
Postman: Sie werden lachen, ich bin tatsächlich
ein Fan von beiden Teams. Baseball ist in dieser Beziehung
wie Philosophie (lacht). Ich halte zu den Yankees UND den
Mets, weil sie in verschiedenen Ligen spielen. Genauso verhält
es sich mit dem scheinbaren Gegensatzpaar Romantik und Aufklärung.
Die Dichter der Romantik haben Fragen gestellt, die den Aufklärern
nie in den Sinn gekommen wären, vor allem, was eine grundsätzliche
Kritik der Technik betrifft. Und das war notwendig. Das eine
ohne das andere ist nicht denkbar.
Voltaire und Emerson sind kompatibel?
Postman: Absolut. Auch Hume und Shelley. Oder Diderot
und Byron. Aufklärung und Romantik stehen in ständigem
Dialog miteinander. Das beginnt schon bei Rousseau, der, obwohl
selbst Aufklärer, einer der schärfsten Kritiker
der Aufklärung war. Ich bin überzeugt, daß
man die Welt von beiden Seiten aus betrachten muß
von der Seite der Vernunft und von der Seite des Gefühls.
Nur so bekommt man ein einigermaßen realistisches Bild.
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In einer leicht gekürzten Fassung erschienen in "Tagesanzeiger",
Zürich, 15. Februar 2000.
Buchhinweis:
Neil Postman: DIE ZWEITE AUFKLÄRUNG VOM 18. INS
21. JAHRHUNDERT
Berlin Verlag (1999), 224 Seiten, ISBN: 3827001714.
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