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Interviews\Harry Mulisch (2001)
"HITLER WAR EIN SCHWARZES LOCH"
HARRY MULISCH über das nihilistische Charisma des deutschen
Diktators, die Lust am literarischen Spiel und seinen Historien-Thriller
"Siegfried"
Von Günter Kaindlstorfer
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| Harry
Mulisch |
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Harry Mulisch, es gibt unzählige Bücher über
Hitler. Warum haben Sie noch eines geschrieben?
Mulisch: Weil ich von diesem Thema nicht loskomme.
Das hat vermutlich autobiographische Gründe: Meine Mutter
war eine deutsche Jüdin, mein Vater ein niederländischer
Nazi-Kollaborateur mit österreichischen Wurzeln. Wenn
Sie so wollen, gehen die Konfliktlinien des Zweiten Weltkriegs
mitten durch mich hindurch. Dazu kommt die mysteriöse
Karriere Hitlers, die mich schon seit Jahrzehnten fasziniert.
Ein unlösbares Rätsel: Wie konnte aus dem gescheiterten
Aquarellisten aus Braunau ein Monster von welthistorischer
Dimension werden? Was für ein Mensch verbarg sich hinter
der Maske des hysterischen Volkstribunen? Das sind die Fragen,
die mich beim Schreiben des Buchs umgetrieben haben.
Haben Sie schlüssige Antworten gefunden?
Mulisch: Mein Held, der Schriftsteller Rudolf Herter,
glaubt eine schlüssige Antwort gefunden zu haben. Er
fliegt nach Wien, um seinen neuen Roman im Rahmen einer öffentlichen
Buchpräsentation in der österreichischen Nationalbibliothek
vorzustellen. In Wien lernt er zwei alte Leute kennen, die
einst auf dem Obersalzberg gearbeitet haben, als Kammerdiener
bei Adolf Hitler und Eva Braun. Die beiden tischen ihm eine
unerhörte Geschichte auf...
Die natürlich SIE erfunden haben.
Mulisch: Selbstverständlich, das ist mein Job.
Ich dichte Eva Braun und Adolf Hitler einen unehelichen Sohn
an: Siegfried. Jetzt kann man natürlich fragen: Was will
Mulisch damit beweisen?
Was wollen Sie damit beweisen?
Mulisch: Ich versuche, hinter Hitlers Maske zu blicken,
indem ich sein Verhalten als Vater untersuche. Nach übereinstimmenden
Berichten muß er ein hochneurotischer, ein gefühlsunfähiger
Mensch gewesen sein, und genauso verhält er sich in meinem
Roman auch seinem Sohn gegenüber. Am Ende läßt
er das Kind sogar töten.
Der Schweizer Psychiater Arno Gruen hat ein faszinierendes
Buch über Hitler geschrieben: "Der Fremde in uns".
Gruen behauptet, daß der deutsche Diktator der Welt das Bild
eines geistig gesunden Menschen nur vorgespielt hat. "Hitler
ahmte perfekt ein menschliches Wesen nach", schreibt
Gruen.
Mulisch: Das geht genau in die Richtung, die mich
interessiert. Mit einem wichtigen Unterschied. Meiner Ansicht
nach kommt man Hitler mit psychologischen Erklärungen
nicht bei. Man muß ihn metaphysisch erklären. Einer
der führenden Generäle der Wehrmacht, Generaloberst
Jodl, hat ihn einmal als "Buch mit sieben Siegeln"
bezeichnet. Mein Held Herter glaubt, diese Siegel erbrochen
zu haben. Er stellt fest, daß Hitler ein Blindband mit lauter
leeren Seiten war, ein wandelnder Abgrund, ein schwarzes Loch.
Er war nicht der Schauspieler, für den er oft gehalten
wird, er war eine Maske ohne Gesicht dahinter, ein wandelnder
Harnisch, in dem niemand steckte.
"Das letzte Wort über Hitler lautet: nichts",
heißt es in Ihrem Buch.
Mulisch: Über diesen Mann sind schon so viele
Bücher geschrieben worden, aufeinandergestapelt würden
sie von hier bis zum Mond reichen, und alle diese Bücher
versuchen die Frage zu beantworten, wie sich der kleine Adolf
aus Braunau zum millionenfachen Massenmörder auswachsen
konnte. Die einen sagen, das hänge mit seinem brutalen
Vater zusammen, der ihn oft verprügelt hat. Ich frage:
Warum wird dann nicht jeder, der von seinem Vater verhauen
wird, zum Schlächter und Tyrannen? Die anderen sagen,
er war ein verkappter Homosexueller, der mit einem fanatischen
und zu allem entschlossenen Männerbund alles Weiche und
Schwache in der Welt abtöten wollte. Wieder andere behaupten,
sein Erfolg lasse sich nur politisch erklären, aus der
sozialen und wirtschaftlichen Malaise der 20er Jahre heraus.
Ich behaupte, alle diese Studien verfehlen ihr Thema, weil
sie sich mit etwas beschäftigen und nicht mit nichts.
Hitler läßt sich nicht psychologisch oder politologisch,
er läßt sich, wenn überhaupt, nur transzendental
erklären, mit den Mitteln der Theologie.
Besteht dabei nicht die Gefahr, ihn zu sakralisieren?
Mulisch: Natürlich, diese Gefahr besteht. Aber
ich sage: Wenn wir ihn mit psychologischen und historischen
Analysen nicht erklären können, dann müssen
wir zu religiösen Deutungsmustern greifen, um ihn zu
verstehen.
Hitler als Fürst der Finsternis?
Mulisch
(lacht): Vielleicht war er das, ein Abgesandter des Teufels,
ja. Wissen Sie, daß er die Sonne gehaßt hat. Er
trug auch im Sommer stets Uniformmütze oder Hut, und
in den Innenräumen, in denen er sich aufhielt, durfte
das Licht nicht zu hell brennen. Auch Hitlers Arbeitszimmer
war nachts nur von einer Schirmlampe erleuchtet. Ein Feind
des Lichts war er also im Wortsinne. Er haßte übrigens
auch Blitzlichter, wenn er fotografiert wurde.
Sind Sie sicher, daß er keinen Klumpfuß hatte?
Mulisch: Nein, das war der andere, der Propaganda-Minister.
Sie gewähren Ihren Lesern intime Einblicke ins Privatleben
des Führers. Wir dürfen ihn bei der Zahnhygiene
beobachten, beim Nachtimbiss mit Eva Braun, bei den Präliminarien
eines Liebesspiels. Woher wissen Sie eigentlich so genau,
wie sich das alles abgespielt hat?
Mulisch: Ganz einfach, es gibt Memoiren von Bediensteten.
Da hab ich mich bedient.
Daß Hitler jeden Tag bis elf geschlafen hat, stimmt
das?
Mulisch: Ja, er war ein leidenschaftlicher Spätaufsteher.
In dieser Beziehung ist er stets der Bohemien seiner jungen
Jahre geblieben. Während des Kriegs hat dieser Hang zum
Faulenzen Tausende Menschen das Leben gekostet. Wenn morgens
um acht der Lagebericht von der Ostfront kam und dringende
Entscheidungen gefällt werden mußten, wagte niemand,
den Führer aus seinen Träumen zu reißen. Er
schlief und durfte um Gottes Willen nicht geweckt werden!
Was für ein Verhältnis hatte er zum Tod?
Mulisch: Ein interessantes Thema. Natürlich war
er todessüchtig, das liegt auf der Hand, er hat allerdings
nie ein Konzentrationslager oder eine bombardierte Stadt oder
so etwas besucht, davor hat er sich gedrückt. Er tat
alles, damit die Menschen in großem Maßstab starben,
nicht nur in den KZs, sondern auch an den Fronten, in den
besetzten Gebieten, Blut sollte fließen, Ströme
von Blut aber in seiner Abwesenheit. Wenn Hitlers Zug
durch die Ruinen einer zerbombten Stadt fuhr, mußten
die Vorhänge geschlossen bleiben. Er hielt sich stets
im Auge des Taifuns auf, oder besser gesagt: Er WAR das Auge
des Taifuns. Rings um sich verbreitet dieser Mann nichts als
Tod und Zerstörung, aber im Auge des Wirbelsturms herrscht
herrliches Wetter, Alpenveilchen blühen, Kuhglocken bimmeln,
und der Himmel ist blau. Seine Villa auf dem Obersalzberg
ist das Symbol dafür.
Thomas Mann hat den "Basiliskenblick" Hitlers
beschworen, sein Charisma, das seine Opfer zugleich verführte
und tötete. Besaß er das wirklich?
Mulisch: Ganz bestimmt. Wir haben ja hunderte von
Zeugnissen, die das belegen. Es gab zum Beispiel Wehrmachtsgeneräle,
die kurz vor dem Ende des Kriegs zu einer Lagebesprechung
in den Führerbunker gebeten wurden, in einer militärisch
aussichtslosen Lage, als sich die Armee bereits in Auflösung
befand. Die Generäle unterhielten sich eine halbe Stunde
mit Hitler, dann traten sie mit leuchtenden Augen aus dem
Besprechungszimmer und sagten: "Es ist phantastisch!
Wir bekommen ein neues Heer!" Dabei wußte jeder:
Es gibt kein neues Heer. Hitler war ein Wrack zu dieser Zeit,
ein kranker, gebrochener Mann, und immer noch besaß
er diese Überzeugungskraft!
Die Farbe Braun spielt eine bedeutende Rolle in Hitlers
Leben. Ist das mehr als ein nebensächliches Detail?
Mulisch: Mysteriös ist es auf alle Fälle.
Die Farbe Braun zieht sich wie ein Leitmotiv durch seine Biographie.
Er wurde in Braunau am Inn geboren, die NSdAP-Zentrale in
München war als "Braunes Haus" bekannt, die
Schläger der SA hießen "Braunhemden",
und dann ließ er sich auch noch mit einer Frau namens
Eva Braun ein... Seltsam, nicht?
Ein Verschwörungstheoretiker würde jetzt sagen:
Das kann doch kein Zufall sein.
Mulisch: Ich habe keine Erklärung dafür.
Wahrscheinlich ist das einzige, was man tun kann, es festzustellen.
Wie zufrieden waren Sie mit dem Echo auf Ihren Roman in
den Niederlanden?
Mulisch: In aller Bescheidenheit: ausgesprochen zufrieden.
Die Verkaufszahlen waren sehr gut, und was die Kritiken betrifft:
Da hat es natürlich auch kritische Stimmen gegeben, aber
im großen und ganzen war die Resonanz doch sehr positiv.
Auf die Reaktion der Juden und der Deutschen war ich von Anfang
an besonders gespannt. Von jüdischer Seite gab es bis
jetzt eine einzige Besprechung, im israelitischen Wochenblatt
in Amsterdam, und die war enthusiastisch. Jetzt warte ich
ab, was die Deutschen und die Österreicher zu "Siegfried"
sagen.
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Erschienen in "Der
Standard", Wien, 6. Oktober 2001.
Buchhinweis:
Harry Mulisch: SIEGFRIED
Roman, aus dem Niederländischen von Gregor Seferenz,
Hanser-Verlag (2001), 192 Seiten, ISBN 3446200908.
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