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Interviews\Loriot (2003)
"ICH HABE DAS PREUSSENTUM IM BLUT"
Zum 80. Geburtstag: LORIOT über den Humor der alten
Preußen, die historischen Verdienste des großen
Fritz und die Überlegenheit der deutschen Breitbandnudel
Von Günter Kaindlstorfer
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| Loriot |
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Herr von Bülow, sind die Deutschen wirklich so humorlos
wie Briten, Österreicher und die Angehörigen anderer
Nationen so gerne behaupten?
Loriot: Das kann man so nicht sagen. Die Deutschen
haben durchaus gewisse humoristische Traditionen, allerdings
spielt der Humor bei uns im Alltag keine so zentrale Rolle
wie beispielsweise in Großbritannien oder auch in Österreich.
Denken Sie nur an die dramatischen Künste: Ein Engländer
wird einen Komiker oder einen Humoristen genauso hoch achten
wie einen Tragöden. Ganz anders die Deutschen: Fragen
Sie mal einen Theaterbesucher in Hamburg oder Oldenburg, was
ihm wichtiger ist, die Komödie oder die Tragödie.
Was wird er sagen? Die Tragödie.
Warum ist das so?
Loriot: Ich weiß es nicht. Das läßt
sich im Grunde schon in der Weimarer Klassik beobachten: Schiller
war ein durch und durch humorloser Mann, im Gegensatz zu Goethe,
der Komisches durchaus zu schätzen wußte. Ich würde
sagen: Im Prinzip haben die Deutschen durchaus einen gewissen
Humor nur rangiert er in ihrer Werteskala nicht an oberster
Stelle.
In Städten wie München oder Berlin gibt es doch
reiche humoristische Traditionen: Ich sage nur: Karl Valentin,
oder Kurt Tucholsky.
Loriot: Da erwähnen Sie zwei große Könner.
Es ist kein Zufall, daß beide, Tucholsky wie Valentin,
in einer Großstadt gelebt und gearbeitet haben. Die
Bürger verschiedener Großstädte, und seien
sie von ihrer Mentalität her noch so unterschiedlich,
haben in der Regel mehr Gemeinsamkeiten als ein Großstädter
und, sagen wir, ein Mensch vom flachen Land. Die Berliner
Schnoddrigkeit etwa, die findet man in leichten Abstufungen
auch in anderen Großstädten, in Wien beispielsweise.
Ein Wiener Taxifahrer und ein Taxifahrer aus Berlin haben
von ihrer Mentalität her frappierende Ähnlichkeiten.
Wobei man eines sagen muß: Die berühmte Schnoddrigkeit
der Berliner, die den Menschen in Bayern oder Baden-Würtemberg
so sehr auf die Nerven geht, diese Schnoddrigkeit ist natürlich
in erster Linie eine Erfindung der Operette. In Wirklichkeit
sind die Berliner ziemlich langsam. Sie denken schnell, das
mag sein, aber sie reden langsam und bedächtig. Man sollte
den Operettenklischees da nicht blindlings vertrauen.
Was ist Ihre Definition von Komik?
Loriot: Zur Komik gehört eine gewisse Fallhöhe.
Wenn jemand eine Sache ernst anlegt und sie mißlingt,
dann entsteht Komik.
Die berühmte Brandrede über die deutsche Nudel,
die eine Ihrer Figuren im Parlament hält.
Loriot: Ja, wenn jemand vor dem deutschen Bundestag
über die qualitative Überlegenheit der deutschen
Breitbandnudel spricht, dann wirkt das komisch. Oder, banaler,
wenn ein Staatspräsident mit feierlicher Miene über
den roten Teppich schreitet und dabei ausgleitet dann
lachen wir. Wir können gar nicht anders.
Verstehe ich Sie richtig, es gehört auch so etwas
wie Schadenfreude dazu?
Loriot: Durchaus. Wobei mir eines immer wichtig war:
Komik, wie ich sie verstehe, hat immer mit Selbstironie zu
tun, sonst fehlt etwas. Man muß sich selbst miteinbeziehen.
Ist der Beruf des Komikers eigentlich anstrengend?
Loriot: O, doch, und wie! Das Herstellen von Komik
ist harte Arbeit, eine Schufterei. Ein Film wie "Papa
ante portas" funktioniert nur, wenn alle Kleinigkeiten
stimmen. Die Kollegen von tragischen Fach haben es da einfacher:
Jemand ertrinkt, die Hauptfigur wird erschossen, ein Kind
entgeht in letzter Sekunde dem Erfrierungstod da kommt
es nicht drauf an, ob man hinten noch drei Sekunden Nachdenkpause
läßt. Eine Pointe aber hängt entscheidend
vom Timing ab.
Für Sie ist die Erzeugung von Komik Präzisionsarbeit?
Loriot: Absolut. Manche Leute sagen mir eine gewisse
Penibilität nach. Ich gestehe es ganz offen ein: Diese
Leute haben recht. Bei der Arbeit bin ich wirklich penibel.
Loriot, der Preuße!
Loriot: Ich bekenne mich zu meinen preußischen
Wurzeln. Ich bin als Preuße geboren, ich habe das Preußische
sozusagen im Blut. Das definiert man für sich nicht neu.
Man ist da hineingeboren, damit hat man sich damit abzufinden.
Preußische Untugenden haben auch viel Unheil angerichtet
im Lauf der letzten 150 Jahre.
Loriot: Das ist richtig, das will ich gar nicht abstreiten.
Dennoch bin ich stolz auf meine Geburtsstadt Brandenburg,
ich bin auch stolz auf das Land meiner Herkunft. Dabei will
ich allerdings nicht abstreiten, daß ich gelegentlich
betroffen gewesen bin über das Unheil, das dieses Land
im Lauf der Geschichte immer wieder angerichtet hat. Nur:
Welches Land hätte im Lauf der Jahrhunderte nicht mancherlei
Unheil angerichtet? Ich will das Preußentum nicht auf
seine negativen Seiten reduzieren.
Wo sehen Sie das Positive?
Loriot: Es gibt auch fortschrittliche Aspekte: Friedrich
der Große zum Beispiel war der Erste, der die Leibeigenschaft
und die Folter abgeschafft hat. Das waren große und
kühne Reformen für seine Zeit. Außerdem hat
der preußische Staat ein nachgerade vorbildhaftes Beamtentum
entwickelt. Gegen Bestechung und Korruption war die preußische
Beamtenschaft über Jahrhunderte hinweg immun. So etwas
war nicht selbstverständlich. Also, der preußische
Staat war in manchem durchaus vorbildlich. Nur haben die Preußen
halt auch manchen Krieg vom Zaun gebrochen, und die sprichwörtliche
preußische Disziplin hat den Nazis das Regieren leichter
gemacht, das muß man schon auch sagen. Wenn die Menschen
in der Nazizeit aufmerksamer, kritischer und wacher gewesen
wären, wenn sie weniger gehorsam gewesen wären,
dann wäre der Welt manches erspart geblieben.
Können Sie mit den soldatischen Tugenden des alten
Preußen etwas anfangen?
Loriot:
Ich bin wie jeder Mensch durch meine Erziehung geprägt.
Mein Vater stammte aus einer alten preußischen Offiziersfamilie.
Bis zu seinem Wechsel in die Privatwirtschaft war er Polizeioffizier.
So etwas hinterläßt zweifellos gewisse Spuren in
der Persönlichkeit eines Menschen.
Wie muß man sich Ihren Vater vorstellen? Als einen
Mann, der andauernd die Hacken zusammenknallte?
Loriot: Das nicht, aber er war zweifellos ein disziplinierter
und beherrschter Mensch. Man muß seine Gefühle
strikt unter Kontrolle halten das hat er meinem Bruder
und mir eingebläut. Ich durfte ihn zum Beispiel nicht
küssen. Männer küssen sich nicht, das gehörte
zu seinen Maximen, da war er eisern.
Und Ihre Mutter, durften Sie die küssen?
Loriot: Meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt
war. Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen.
Wie sehen Sie die Figur Ihres Vaters im Rückblick?
Loriot: Ich habe viel von ihm gelernt über
die elementare Bedeutung von Umgangsformen beispielsweise.
Er war eine ganz und gar respektable Erscheinung. Eine Tugend
wie Selbstbeherrschung war zentral für meinen Vater.
Gehen ließ er sich nie. Ich habe ihn selten ohne Krawatte
gesehen. Zugleich konnte man sich totlachen mit ihm, er hatte
auch ungeheuer komische Seiten. Allerdings muß man sagen:
Die Zeit des Militärischen, die mein Vater in gewisser
Weise verkörpert hat, diese Zeit ist gottseidank vorbei.
Der Krieg spielt heute in den Köpfen der Menschen nicht
mehr die Rolle, die er früher in Deutschland einmal gespielt
haben mag.
Herr von Bülow, Sie verkörpern von Ihrem ganzen
Habitus her den Idealtyp des konservativen Gentleman. Sind
Sie eigentlich ein konservativer Mensch?
Loriot: Begriffe wie "konservativ" und "progressiv"
versuche ich in der Regel zu vermeiden. Ob man will oder nicht,
diese Worte sind immer parteipolitisch konnotiert. Aus parteipolitischen
Angelegenheiten versuche ich mich strikt herauszuhalten.
Was haben Sie beim letzten Mal gewählt?
Loriot: Das verrate ich nicht.
Sie sind ein Mann der Mitte?
Loriot: Manchmal sympathisiere ich mit den politischen
Positionen einer Partei, dann wieder gefallen mir mehr die
Standpunkte einer anderen. Die Wahrheit ist nie auf einer
Seite. Jede Richtung hat ihre positiven Aspekte, das sollte
man anerkennen.
Wie kommt es, daß Sie eher als "Konservativer"
gelten?
Loriot: Tue ich das?
Ich erinnere mich an einen "Spiegel"-Artikel,
der muß in den späten achtziger Jahren erschienen
sein. Da stand sinngemäß: "Die bundesdeutsche
Intelligenz steht links. Im Grunde gibt es nur zwei Rechtsintellektuelle
im Land: Ernst Jünger und Loriot."
Loriot: Das kann nur ein Witz sein.
Das stand da tatsächlich.
Loriot: Ich als "Rechtsintellektueller",
da kann ich nur lachen! Also, in dieser Attributierung erkenne
ich mich überhaupt nicht wieder.
Sind Sie harmoniersüchtig?
Loriot: Ich bin davon überzeugt, daß sich
die meisten Konflikte in einer rücksichtsvollen und von
gegenseitigem Respekt geprägten Atmosphäre beilegen
lassen. Man muß nicht wie ein Irrer rumbrüllen,
um seinen Standpunkt durchzusetzen.
Sie wirken sehr ruhig, sehr gelassen. Kennen Sie so etwas
wie Streß?
Loriot: Um Streß zu haben, habe ich zu wenig
Zeit. Man darf es so weit gar nicht kommen lassen, daß
man sich gestreßt fühlt. Wenn das passiert, hat
man sich mehr vorgenommen als man leisten kann. Das darf man
nicht zulassen.
Leiden Sie unter dem Älterwerden?
Loriot: Ja, sicher.
Wie gehen Sie damit um?
Loriot: Ich halse mir weniger auf als früher.
In jüngeren Jahren habe ich mitunter gleichzeitig Opernregie
geführt, ein paar Zeichnungen angefertigt und einen Film
vorbereitet solch ein Programm mute ich mir heute nicht
mehr zu. Das muß ja auch nicht sein. In meinem Alter
darf man ruhig etwas leiser treten, finden Sie nicht?
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Erschienen in "Falter"
Nr. 46, Wien, November 2003.
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