|
Interviews\Peter Härtling
(1992)
"GEGEN DEPRESSIONEN HILFT NUR ARBEIT"
Der Schriftsteller PETER HÄRTLING über seine Liebe
zu Franz Schubert, abgefackelte Asylantenheime und den spezifisch
österreichischen Tonfall bei Hofmannsthal und Joseph
Roth.
Von Günter Kaindlstorfer
 |
| Peter
Härtling |
|
Herr Härtling, Ihr Schubert-Buch sei ein Stück
"triefender Altmänner-Erotik", stand kürzlich
im "Spiegel" zu lesen. Kränken Sie solche Angriffe?
Härtling: Ach, wissen Sie, dieser Artikel hat
so vorsätzlich unter die Gürtellinie gezielt, daß
ich mir sage: Die Schande gilt dem, der's geschrieben hat.
Ich kann die Haltung, die hinter einer solchen Geschmacklosigkeit
steht, nur verabscheuen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
Sie hätten jetzt Gelegenheit dazu...
Härtling: Also, diese Art von Journalismus ist
eine Verrohung des Umgangs miteinander, die mich eigentlich
sprachlos macht. Ich war selber zwanzig Jahre Journalist,
ich weiß, wovon ich spreche. Es handelt sich da um eine
Mentalität des Wadelbeißens, die mit kritischem
Journalismus oder mit Literaturkritik nichts mehr gemein hat.
Diese bösartige Bissigkeit, mit der man sein Opfer ganz
schnell von hinten anfällt und ein Stück Fleisch
raushaut... nein, so etwas begreife ich nicht.
Zu Ihrem Buch: Was hat Sie an Franz Schubert interessiert?
Härtling: Am meisten natürlich Schuberts
Musik, aber die Musik in Verbindung mit ihrem Schöpfer.
Wissen Sie, für mich ist Schubert ein ganz und gar moderner
Mensch. Er war einer der ersten bürgerlichen Künstler,
von denen wir wissen, er hat das musikalisch außerordentlich
gebildete Wiener Bürgertum als Basis genützt, nicht
mehr Adel oder Klerus, wie die meisten Musiker und Komponisten
vor ihm. Das wäre EIN Aspekt seiner Modernität.
Ein anderer wäre der, daß er ständig allein gelebt
hat, heute würde man sagen, er war Single. Schubert war
einsam, sehr einsam, und obwohl er seine existenzielle Einsamkeit
immer wieder auf vielfältige und zugleich komplizierte
Weise zu unterlaufen versucht hat, ist er doch zeitlebens
einsam geblieben. Ein überaus modernes Schicksal! Vor
allem war Schubert auch ein Großstädter, ein Stadtwanderer,
wie ich es nenne, auch eine moderne Existenzform.
War das biedermeierliche Wien denn eine "Großstadt"?
Härtling: Nicht im heutigen Sinn natürlich.
Aber Sie dürfen nicht vergessen, Wien hatte zu Schuberts
Zeit immerhin schon 200.000 Einwohner, das war doch eine ansehnliche
Zahl, und Wien war ja auch die Hauptstadt eines Großreiches,
eine imperiale Stadt.
Wenn es Ihnen um das Großstädtische geht, warum
haben Sie dann nicht über Baudelaire oder, was weiß
ich, über Gershwin geschrieben?
Härtling: Weil Schubert mir näher ist. Er
war einer der ersten, die verstanden haben, daß der
Mensch, sobald er mit der Natur bricht, ein Verlorener ist.
Das scheint mir eine höchst aktuelle Einsicht zu sein.
Aber der Bruch mit der Natur ist doch schon viele tausend
Jahre alt. Das ist doch eine alte Sache.
Härtling: Gewiß, man könnte beispielsweise
den alten Empedokles ins Spiel bringen, da haben wir diesen
Bruch auch schon, aber im neunzehnten Jahrhundert gewinnt
die Entfremdung zwischen Mensch und Natur doch eine neue Dimension.
Die Romantiker haben erkannt, daß sich Industrie und Technik
zwischen den Menschen und die Natur schieben, daß der Mensch
eine Sekundärschöpfung zu entwickeln beginnt, und
diese Einsicht führt zu einer dramatischen Veränderung,
zu einer dramatischen Spaltung zwischen Mensch und Natur.
Das hat Franz Schubert thematisiert in seiner Musik.
Das überlieferte Schubert-Bild ist ein ausgesprochen
verkitschtes...
Härtling (lacht): Ja, da haben Sie recht!
Woher kommt das Bedürfnis, den armen Schubert mit
Zuckerguß und Obershäubchen zu versehen?
Härtling: Über den "Schubert-Franzl"
waren schon zu seinen Lebzeiten sogenannte "G'schichterln"
im Umlauf, wie man in Wien sagt, und schon damals Schienen
diese G'schichterln, diese Anekdoten fast wichtiger zu sein
als seine Musik. Für die Trivialliteratur war der herzige
"Franzl" natürlich ein gefundenes Fressen.
Wenn man sich die Themen Ihrer Bücher anschaut, Herr
Härtling, dann fällt auf, daß Sie eine deutliche
Vorliebe für melancholische und unglückliche Künstler
hegen: Lenau, Mörike, Hölderlin und jetzt eben
Schubert. Woher kommt Ihre Affinität zu den "großen
Einsamen" der Kulturgeschichte, wenn ich das so nennen
darf?
Härtling: Ich habe in meinen Büchern, die
übrigens über weite Strecken fiktiv sind, wie ich
betonen möchte, ich habe immer wieder periphere Existenzen
zu beschreiben versucht. Auch im Schubert-Buch natürlich.
Das hängt vielleicht damit zusammen, daß ich mich selbst
als periphere Existenz begreife.
Was heißt das, "periphere Existenz"?
Härtling: Es heißt zu leiden. Es heißt,
sich als Fremder auf dieser Welt zu fühlen.
Das klingt jetzt aber sehr pathetisch. Wie geht dieses
Fremdheitsgefühl mit dem Alltag in der Bundesrepublik
von heute zusammen? Sie führen ja wie die meisten Menschen,
nehme ich an ein recht modernes Leben, mit Mikrowelle und
CD-Player und solchen Sachen.
Härtling:
Ja, wie geht das zusammen? Das hätten Sie auch den Schubert
fragen können. Ich vermute, daß seine Zeit gar
nicht so sehr verschieden von der unseren war. Das biedermeierliche
Wien scheint mir von der heutigen Bundesrepublik gar nicht
so weit entfernt zu sein. Und das moderne Leben mit seinen
Annehmlichkeiten, ach Gott, das hilft überhaupt nicht
gegen eine bestimmte Art von Leiden.
Welche Art von Leiden meinen Sie? Depressionen?
Härtling: Ja, so kann man es nennen.
Sind Sie ein depressiver Mensch?
Härtling: Ja, ich glaube, das kann man sagen.
Ja, man kann es sagen.
Was läßt sich dagegen tun? Was hilft gegen
diese Krankheit? Tabletten? Liebe? Sport?
Härtling: Dagegen hilft überhaupt nichts.
Das einzige, was vielleicht helfen kann, ist Arbeit.
Sie haben sich eine Zeitlang auch politisch engagiert.
In den siebziger Jahren haben Sie Willy Brandt und die SPD
unterstützt.
Härtling: Das ist lange her?
Hat Willy Brandts Tod Sie berührt?
Härtling: Ja, das hat er. Ich glaube, der Tod
von Willy Brandt hat das ganze Land berührt, auch die
Menschen im Osten. Als Brandt Kanzler wurde, ging ein Aufatmen
durch die Bundesrepublik, man kann sich das heute gar nicht
mehr vorstellen. Seine Politik hat die Geschichte des Landes
geprägt: die Öffnung zum Osten, zu den Menschen
dort, die Demokratisierung der Bundesrepublik, all das wäre
nicht denkbar ohne hin. Willy Brandt war ein großer,
ein bedeutender Mann. Und ich sage das jetzt nicht als Floskel.
Nehmen Sie noch Anteil an politischen Vorgängen?
Härtling: An politischen Vorgängen schon,
aber nicht mehr so sehr an parteipolitischen.
Sind Sie enttäuscht?
Härtling: Ja, die Parteien werden einander immer
ähnlicher. Was mich ärgert, ist dieser Mangel an
Perspektiven, der sich überall ausbreitet. Die Politik
reagiert nur mehr, sie verzichtet auf jede Gestaltungskraft,
das empfinde ich als groben Mangel.
Das klingt so, als hätten Sie resigniert.
Härtling: Nein, das kann man nicht sagen. Ich
habe erst vor kurzem auf einer großen Demonstration
in Frankfurt gesprochen, wo gegen die Ausschreitungen in Rostock
protestiert worden ist. Ich mische mich noch ein, und zwar
dort, wo ich es für für nötig halte. Aber für
eine Partei nein, da lege ich mich nicht mehr ins Zeug.
Sie sagen, Sie vermissen politische Gestaltungskraft.
Vielleicht kann man heute in Europa nur mehr reaktiv Politik
machen, vielleicht sind die Probleme einfach zu komplex geworden.
Härtling: Ich bin nicht sicher, ob Ihre Diagnose
stimmt, ob die Zeit der großen Entwürfe wirklich
vorbei ist. Ein Beispiel: Was vielen Menschen heute fehlt,
so glaube ich wenigstens, das ist der rettende Entwurf, das
sind plausible Antworten auf eine ganze Reihe von wichtigen
Fragen: Wie kann man dem maßlosen Verbrauch von Ressourcen
auf dieser Welt Einhalt gebieten? Wie kann man die gewaltige
Kluft zwischen Arm und Reich verringern? Wie kann man ein
Stückchen Zukunft sichern? daß es darauf überzeugende
Antworten gäbe soweit sind wir leider noch lange nicht.
Und das wäre keine Utopie, das wäre schlicht und
einfach eine Frage des Überleben.
In Deutschland gärt es, Herr Härtling, Sie haben
das ja schon angesprochen. Stichwort Rostock, Stichwort Ausländerhetze,
Stichwort Arbeitslosigkeit. Es passieren da Dinge, die man
eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hätte.
Härtling: Also, den Neofaschismus gibt's heute
quer durch Europa; den gibt's auch in Österreich, den
gibt's auch in Frankreich und Italien. Aber was im Augenblick
bei uns in Deutschland passiert, das scheint mir doch besonders
beschämend. Die jungen Leute, vor allem die jungen Leute
im Osten, leiden unter einem unglaublichen Identitätsverlust.
Sie haben ihr ganzes Leben lang geschützt und reglementiert
gelebt, diese Sicherheit ist mit einem Mal verschwunden. Als
Ventil suchen sie sich jetzt die Schwächsten in der Gesellschaft
aus. Welche Kräfte sie dabei unterstützen, wer das
ist, nun, das wissen wir alle. Und was Rostock ganz konkret
betrifft: Für meine Begriffe war das Debakel dort politisch
gewollt, ich kann mir das nicht anders erklären. Oder
es müssen solche Idioten dort regieren, daß einem
schlecht wird, das kann natürlich auch sein.
Politisch gewollt in bezug auf die Asyl-Diskussion?
Härtling: Ja, das liegt wohl auf der Hand als
Argument für die Verschärfung des Asylrechts. Und
wie man sieht, hat es ja auch funktioniert.
Ein harter Vorwurf.
Härtling: Mag sein. Ich kann's mir nicht anders
erklären.
Es gibt in Ihren Büchern immer wieder einen starken
Österreich-Bezug. Hat das biographische Gründe?
Härtling: Es hat AUCH biographische Gründe.
Ich habe als Kind eine Zeitlang in Olmütz gelebt, wie
Sie vielleicht wissen, und ich bin dort mit der österreichischen
Literatur aufgewachsen, mit Anton Wildgans vor allem. Ich
habe diesen eigenartigen österreichischen Tonfall noch
im Ohr. Später las ich dann Hofmannsthal, Musil, Trakl,
Hertha Kräftner, das sind Autoren, denen ich mich immer
noch nahe fühle.
Eine Frage, die bei uns bis zum Überdruß diskutiert
worden ist: Was unterscheidet die österreichische von
der deutschen Literatur?
Härtling: Über dieses Thema hab ich mich
vor zwanzig Jahren einmal lange mit der Hilde Spiel unterhalten.
Ich sehe einen grundlegenden Unterschied, und der liegt im
Tonfall. Die Österreicher haben eine bestimmte Art des
sprachlichen Denkens, die in Deutschland nur sehr schwer vorstellbar
wäre. Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal oder Joseph
Roth zum Beispiel... der Tonfall, ja es ist der Tonfall.
Und inhaltlich? Gibt es auch inhaltliche Unterschiede?
Härtling: Ja, ganz gewiß. Ich glaube, die
österreichische Literatur ist auf eine eigentümliche
Art und Weise konservativ. Es handelt sich da um eine konservative
Grundhaltung, die oft sogar sentimental wirkt, die aber auch
eine sanfte und insistente Neigung zur Rebellion in sich hat.
Karl Kraus und Thomas Bernhard waren aber gar nicht so
sanft.
Härtling (lacht): Da haben Sie recht, die waren
wirklich nicht sanft, die beiden. Das Österreichische
kann für meine Begriffe eben auch große Schärfen
haben... Aber diese konservative Haltung, die ist immer spürbar.
Und das Wichtigste ist der Tonfall. Sehr sonderbar ist das
alles... sehr eigentümlich... und mir durchaus nah.
____________________
Erschienen in "Wirtschaftswoche", Wien, 17. Dezember
1992.
Buchhinweis:
Peter Härtling: SCHUBERT
Roman, Kiepenheuer & Witsch (1992), 332 Seiten, ISBN:
3462024876.
Alle INTERVIEWS
im Überblick
|