Interviews\Günter
Grass (1999)
"ACH, LASSEN WIR DIE KRITIKER!"
GÜNTER GRASS über die Verrisse seines Buchs "Mein
Jahrhundert", seine Liebe zu Grimmelshausen und das Demagogische
an Jörg Haider.
Von Günter Kaindlstorfer
 |
| G.
Kaindlstorfer und G. Grass (Zum Vergrößern
anklicken!) |
|
Herr Grass, seit Sie Bücher schreiben, werden diese
Bücher verrissen. Unterhalten Sie sich überhaupt
noch mit Literaturkritikern?
Günter Grass: Aber natürlich, ich muß
Ihnen nur gleich widersprechen. Meine Bücher sind immer
auch gelobt worden, nicht nur verrissen. Sie waren von Anfang
an umstritten. Ich stelle allerdings fest, daß sich
das Niveau der Kritik in den letzten Jahren erheblich verschlechtert
hat.
Inwiefern?
Günter Grass: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als
"Die Blechtrommel" 1959 erschien, hat sie der Kritiker
Günter Blöcker in der FAZ auf wüste Weise verrissen.
Wenn ich die Kritik von damals nachlese, dann merke ich: Der
Mann hatte das Buch wenigstens gelesen. Das ist heute nicht
mehr so selbstverständlich. Heute wird flüchtig
drüber weggelesen, da geht's nur mehr darum, wer ist
als erster dran mit seiner Rezension, wer bringt den originellsten
Verriß, wer kann dem Autor am deftigsten eine reinbuttern,
also das Niveau ist eindeutig gesunken.
Ihrer Beliebtheit beim Publikum tun Verrisse offenbar
keinen Abbruch. "Mein Jahrhundert" rangiert seit
Wochen auf den vorderen Rängen der Bestsellerlisten.
Günter Grass: Das erüllt mich mit Hoffnung.
Die Leser bilden sich heute ihre eigene Meinung. Früher
wurde eine Fernsehsendung, die sich "Literarisches Quartett"
nannte, aber nur aus einer Stimme bestand, von Publikum und
Handel kritiklos rezipiert.
Apropos: Haben Sie die Autobiographie von Reich-Ranicki
gelesen?
Günter Grass: (schüttelt den Kopf)
Aus Prinzip nicht?
Günter Grass: Ach, wissen Sie, ich habe anderes
zu lesen. Ich habe gerade Frank McCourts Roman "Die Asche
meiner Mutter" gelesen. Wunderbares Buch. Die Mischung
aus Tragischem und Komischem finde ich hinreißend.
Bei "Mein Jahrhundert" hat man den Eindruck,
Sie haben so etwas wie ein deutsches Hausbuch schreiben wollen.
Günter Grass: Die Tradition der Hausbücher
reicht bis zu Grimmelshausen und seinem "Ewigwährenden
Kalender" zurück, oder auch zu Hebel und Brecht.
Mir ging es in der Tat darum, diese Tradition aufzugreifen.
Auch dafür sind Sie gescholten worden.
Günter Grass: Ach, lassen wir die Kritiker beiseite.
Die fordern in letzter Zeit immer öfter, daß wir
uns an amerikanischen Vorbildern orientieren sollen. Ich lehne
das ab. Wir haben unsere eigenen Traditionen, die wunderbare
Form der Kalendergeschichte zum Beispiel. Es hat keinen Sinn,
daß wir bei der amerikanischen Short-Story anknüpfen,
es gibt in der deutschen Literatur weiß Gott andere
Vorbilder.
In IHREN Kalendergeschichten werfen Sie einen subjektiven
Blick auf das 20. Jahrhundert...
Günter
Grass: Subjektiver Blick diesen Ausdruck würde
ich nicht gebrauchen. Ich habe mich in "Mein Jahrhundert"
in verschiedene Personen aufgeteilt, die jeweils aus Ihrer
Sicht einen Blick auf bestimmte Ereignisse werfen, darunter
auch meine schlimmsten Feinde. Das ist die Aufgabe eines Schriftstellers,
sich auch in die Lage seiner Feinde versetzen zu können,
wenn er das nicht kann, hat er seinen Beruf verfehlt.
Man hat den Eindruck: Sie schreiben in diesem Buch Geschichte
von unten.
Günter Grass: So ist es. Ich wollte die zu Wort
kommen lassen, die sonst nie zu Wort kommen, die Geschichte
nicht gemacht haben, denen Geschichte widerfährt. Ein
spannendes und reizvolles Unterfangen.
Sie setzen sich auch kritisch mit der deutschen Einheit
auseinander. Fühlen Sie sich von den aktuellen Ereignissen
bestätigt?
Günter Grass: Absolut. Als ich '89 vor einer
allzu hastigen Einigung warnte, wurde ich als "Schwarzseher
der Nation" angegriffen. Heute muß ich feststellen:
Die Einteilung in Deutsche erster und zweiter Klasse existiert
immer noch. Die Westdeutschen können sich immer noch
nicht in die Mentalität von 16 Millionen Ostdeutschen
einfühlen. Und die Kosten der Einheit werden uns noch
lange beschäftigen. Es war ja eine Einheit auf Pump.
Wie stehen Sie zur rot-grünen Regierung? Die Performance
von Schröder und Fischer bis jetzt war ja nicht wirklich
berauschend.
Günter Grass: Sie werden von mir keine Polemik
gegen diese Regierung hören. Ich bin Sozialdemokrat,
nach wie vor. Ich habe die SPD zwar wegen ihrer Asylpolitik
verlassen, aber das ändert nichts an meiner sozialdemokratischen
Grundhaltung. Ich bin Sozialist, und ich bin Demokrat, nach
wie vor. Ich habe mir von Rot-Grün einiges erhofft, und
das tue ich weiterhin.
Daß Schröder sich mit Kaschmirmantel und Havanna-Zigarre
in Pose wirft, während er gleichzeitig Sparpakete verordnet,
stört Sie nicht?
Günter Grass: Schröder gibt sein Bestes.
Er müßte nur aus dem Moderieren herauskommen. Er
müßte erkennen, daß sein Bündnis für
Arbeit am permanenten Widerstand der Großindustrie scheitert.
Wir sind heute ja mit einem Neoliberalismus konfrontiert,
der den Staat im Grunde abschaffen will. Ich bin da altmodisch.
Wir brauchen mehr Staat, nicht weniger. Schröder müßte
bereit sein, die Steuerschlupflöcher für die Reichen
zu schließen und auch Aktiengewinne zu besteuern, das
sind alles Dinge, die soziale Ungerechtigkeit perpetuieren.
Leider geschieht nichts in der Sache.
Verfolgen Sie die politische Situation in Österreich?
Günter Grass: Selbstverständlich. Österreich
ist ja nicht aus der Welt. Da hat man schon einen Blick drauf.
Es hat ja einiges, was dann auch in Deutschland gewissen Konsequenzen
hatte, in Österreich angefangen. Also, ein wachsamer
Blick auf Ihr Land empfiehlt sich durchaus. Ich muß
Ihnen etwas sagen: Ich habe vor einigen Tagen im Fernsehkanal
3sat Ihren Kardinal König sprechen hören; mich hat
ungeheuer bewegt, was der alte Mann gesagt hat...
Er hat vor der allerorts grassierenden Fremdenfeindlichkeit
gewarnt...
Günter Grass: ... und vor verantwortungslosen
Politikern, die daraus Kapital schlagen wollen.
Beobachten Sie die Karriere des FPÖ-Politikers Haider?
Günter Grass: Ich bin heilfroh, daß wir
in Deutschland keinen Haider haben. Die entsprechenden Formationen
bei uns sind kopf- und führerlos, gottseidank, die verfügen
nicht über einen derart talentierten Demagogen wie Haider.
Denn so talentiert der Mann auch sein mag, ein Demagoge bleibt
er doch.
____________________
Erschienen in "Der
Standard", Wien, 1. Oktober 1999.
Buchhinweis:
Günter Grass: MEIN JAHRHUNDERT
Roman, illustrierte Ausgabe, Verlag Steidl (2004), ISBN: 3882436514.
Alle INTERVIEWS im
Überblick
|