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Interviews\Günter Grass
(1996)
"WIR ALLE SIND KINDER DER AUFKLÄRUNG"
GÜNTER GRASS über Botho Strauß, das Böse
am Kapitalismus und seine "Vernunftbeziehung" zur
SPD
Von Walter Famler und Günter Kaindlstorfer
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| Günter
Grass |
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Seit einiger Zeit sorgen die gesellschaftspolitischen
Thesen Ihres Kollegen Botho Strauß für wildentschlossene
Abgrenzungen in den Feuilletons. Wie sind denn Ihre Ansichten
zu den Ideen von Herrn Strauß?
Günter Grass: Ich finde diese Debatte insgesamt
übertrieben. Der inkriminierte "Spiegel"-Artikel
ist weder faschistisch noch kryptofaschistisch noch sonst
irgendwas, all diese Betitelungen gefallen mir nicht. Ich
habe ihn stilistisch verblasen gefunden, es ist sehr viel
Gefühliges dabei, es ist ein Text, der mir schon längst
aus der Erinnerung entschwunden wäre nach einmaligem
Lesen, wenn es nicht diese hirnstussige Ersatzdebatte darüber
gegeben hätte. Und das trifft auf manches zu, was sich
aufgeregt gab in den deutschen Feuilletons. Was ist etwa von
diesen wirklich bodenlosen, auf kein Argument sich stützenden
Angriffen auf Christa Wolf übriggeblieben? Genau betrachtet
waren es oft dieselben Leute, die Christa Wolf zuvor auf eine
genauso argumentlose und bodenlose Art zur Heiligen, zur Widerstandskämpferin
verklärt haben, die sie nun ins Bodenlose fallen lassen
wollten. Im Grunde sind das alles Scheindebatten, Ausflüchte.
Ganz gewiß gibt es Anzeichen, und das trifft auch auf
Botho Strauß zu, daß die 68er-Generation es sich
in vielen Bereichen zu leicht macht. Gut, ich kann verstehen,
daß Adorno für Botho Strauß und andere ein
belastender Übervater gewesen ist, aber daß man
mit der Distanzierung von Adorno auch gleich die gesamte Tradition
der europäischen Aufklärung über Bord schmeißen
muß, ist ein äußerst luxuriöses Verhalten,
für das ich keinerlei Verständnis aufbringe, denn
wir alle sind, ob wir's wollen oder nicht, Kinder dieser Aufklärung
und geprägt von ihr und verdanken ihr auch unseren mehr
oder weniger großen Grad von Zivilisierung. Und wenn
wir darauf verzichten, steht uns die Barbarei ins Haus. Dafür
gibt es Anzeichen.
Man hat, was diese Botho-Strauß-Debatte betrifft,
den Eindruck, daß hier mit schwerer Artillerie auf Mäuse
geschossen wird. Botho Strauß vertritt konservative
Ansichten, so weit, so gut, das ist doch nichts Schlimmes.
Warum sind die Deutschen denn nicht froh, daß es außer
Ernst Jünger noch einen, einen einzigen intellektuellen
Reaktionär im Lande gibt? Ist es nicht legitim, daß
Botho Strauß denkt, wie er denkt? Man sollte den Mann
doch unter Naturschutz stellen.
Günter Grass: Ja, legitim ist es auf jeden Fall,
daß Herr Strauß so denkt, wie er denkt. Wenn wir
Toleranz als ein Ergebnis aufklärerischer Entwicklung
betrachten, dann muß man auch diesen Blödsinn tolerieren.
Das heißt allerdings nicht, daß ich damit einverstanden
bin.
Wie ist Ihre Haltung zu Wolf Biermann? Wie kommentieren
Sie seinen Angriff auf Monika Maron?
Günter Grass: Mich stimmt der Verfall eines so
großen Talentes traurig. Biermann ist nicht zu bremsen,
nicht aufzuhalten, für Einspruch nicht zugänglich.
Es gab Zeiten, in denen er noch in Ostberlin lebte, und da
habe ich ihn gelegentlich besucht. Die ein, zwei Mal, als
er in den Westen reisen konnte, um seine Oma in Hamburg zu
besuchen, da machte er Halt in Westberlin. Es gab Gespräche,
soweit man halt mit Biermann, mit einem Egozentriker wie ihm,
Gespräche führen kann. Aber diese Art von Hybris,
die aus den Texten der letzten Jahre spricht, die war damals
nicht zu erkennen, weil er als Künstler selbst viel zu
vital und schöpferisch war. Das hat sich bei ihm verändert.
Und indem er andere Schriftsteller zu demontieren versucht,
demontiert er sich selber. Das ist ein trauriger Vorgang.
Es sieht so aus, als ob die soziale Frage ein Comeback
erlebt nach den hedonistischen, nach den flotten, nach den
postmodernen achtziger Jahren. Sehen Sie das auch so?
Günter Grass: Ja, ich sehe es ähnlich. Die
Zeitgeistmoden waren eben nichts als Zeitgeistmoden. Nach
der großen Wende von 1989 erleben wir heute, wie die
westliche Wirtschaft überall aus den Fugen gerät.
Der Kapitalismus ist ja in einer Vielzahl von westeuropäischen
Staaten im Verlauf der Jahrzehnte mehr oder weniger zivilisiert
worden. Das war so dieser Anspruch sozialer Marktwirtschaft,
der in den skandinavischen Ländern, in Österreich,
in Deutschland zum Teil eingelöst war. Und damit ist
es jetzt vorbei. Der Kapitalismus ist außer Rand und
Band geraten und zeigt seine eigentliche Raubtiernatur. Alles,
was gebändigt und zivilisiert an ihm war, oder auch nur
an der Oberfläche zivilisiert war, fällt weg, und
es kommt diese Ellbogenmentalität des Manchester-Liberalismus
zum Vorschein.
Jetzt tragen Sie aber dick auf!
Günter Grass: Überhaupt nicht! Ein Wirtschaftsminister
wie Rexrodt, der so flott seine Standortfragen in die Debatte
wirft, argumentiert eigentlich aus der Sicht des neunzehnten
Jahrhunderts, aus der Sicht des Manchester-Liberalismus. Sehen
Sie sich nur einmal um: Überall in Europa wird das soziale
Netz zerstört.
Viereinhalb Millionen Arbeitslose in Deutschland, Rentenkürzungen
und Sozialabbau in Österreich und anderen Ländern.
Wie sehen Sie die Zukunft des Kapitalismus in Europa?
Günter Grass: Wir können im westlichen System
mittlerweile ähnliche Symptome der Reformunfähigkeit
erkennen wie im Staatskommunismus nach 1968, nachdem man in
der Tschechoslowakei den letzten ernsthaften Reformversuch
mit Panzern niedergewalzt hat. Im Westen sieht es heute so
ähnlich aus: Die Fehler sind erkannt, in allen möglichen
Bereichen, bis in den ökologischen Bereich. Die Kongresse
zu den interessanten Themen finden statt, kosten ein Wahnsinnsgeld,
aber: außer Spesen nichts gewesen. Es bewegt sich nichts,
oder so gut wie gar nichts, jedenfalls nicht im Vergleich
zu dem, was an Schäden, an nachweisbaren Schäden,
jetzt schon da ist. Und das sind Beweise von Reformunfähigkeit
und auch eines inneren Niedergangs des kapitalistischen Systems.
Wo sehen Sie diesen Niedergang sonst noch?
Günter Grass: Ich will versuchen, es an zwei
Beispielen deutlich zu machen. Bei den Kommunisten konnte
man ihren Niedergang daran erkennen, daß sie an ihre
eigenen Propagandalügen glaubten, das ist offenbar mittlerweile
auch im Westen der Fall. Es wird einfach zum Beispiel Markt
als ideologische These auch dort behauptet, wo gar kein Markt
mehr ist, wo die Konkurrenz längst ausgeschaltet ist,
wo ein, zwei, drei Medienriesen oder Kaufhausketten oder Hotelketten
den Markt beherrschen, die Preisabsprache stattgefunden hat,
also eine Marktwirtschaft sich gar nicht mehr entwickeln kann.
Das andere ist, daß der herkömmliche Kapitalismus
auch in seiner vitalsten Form seine Erfolge darauf zurückführen
konnte, daß er immer bereit war, Gewinn zu investieren.
Und das hat erheblich nachgelassen oder stagniert völlig.
Die Gewinne werden irgendwo, sei es über Geldwaschanlagen,
sei es direkt im Ausland in Sicherheit gebracht. Nur noch
Profitmaximierung steht im Vordergrund, kein Investment. Und
das sind eigentlich deutliche Zeichen eines Niedergangs und
eines Zusammenfalls auch des kapitalistischen Systems. Da
Marx den Kapitalismus und den Sozialismus seiner Prägung
immer als eine Art Zwillingspaar gesehen hat das eine bedingt
das andere könnte er auf fatale Weise recht behalten.
Das Absterben des einen Zwillings, nämlich des staatlichen
Sozialismus auf der einen Seite, wird unter Umständen
dieses kapitalistische System auch zum Absterben bringen.
Was dann danach kommt, das wissen wir nicht, das kann man
in der einen oder anderen Form nur befürchten.
Die Linke hat lange Zeit auf eine radikale Alternative
zum Kapitalismus gehofft, hat eine sozialistische, vielleicht
auch planwirtschaftliche Wirtschaftsweise konzipiert. Ist
dieser Glaube heute noch aufrechtzuerhalten?
Günter Grass: Also, ich habe nie an Planwirtschaft
geglaubt. Ich war immer der Meinung, daß es soziale
Marktwirtschaft geben sollte, und daß in dieser sozialen
Marktwirtschaft durch bestimmte planerische Vorgänge
zu leisten ist, was geleistet werden muß. Das beste
Beispiel innerhalb der deutschen Sozialdemokratie war die
Art und Weise, wie Karl Schiller die Wirtschaftskrise der
sechziger Jahre behoben hat: mit einer Mischung aus sozialer
Marktwirtschaft und planerischen Maßnahmen.
Auch Frank D. Roosevelt hat so gehandelt. Ein Mann nach
Ihrem Geschmack?
Günter Grass: Man könnte den westlichen
Kapitalisten noch so manchen Staatsmann aus ihrem eigenen
Lager ans Herz legen. Auch Wirtschaftstheoretiker wie Fulbright.
Alle diese Leute haben gewußt, daß man gewisse
Dinge aus der Marktwirtschaft herausheben, daß man in
bestimmten Bereichen einfach regulierend eingreifen muß.
Reden wir über Literatur. Sie haben kürzlich
gesagt, die Aufgabe des Schriftstellers sei es, auf Seiten
der Verlierer zu stehen. Sehen Sie den Schriftsteller als
eine Art Widerstandskämpfer?
Günter Grass: Dieses große Wort würde
ich für mich nicht in Anspruch nehmen. Widerstandskampf
setzt ja nur da ein, wo wirkliche Macht überwunden werden
muß, wo auch der Konflikt im Sinne von Widerstand offen
erklärt wird und alle anderen Wege der Konfliktlösung,
zum Beispiel die parlamentarischen Wege, versperrt sind. In
einer solchen Situation befinden wir uns nicht oder noch nicht.
Aber es gibt Bereiche, in denen, ohne daß ich das Wort
"Widerstandskämpfer" bemühen möchte
Widerstand vonnöten ist. Wenn zum Beispiel in der Bundesrepublik,
nachdem man den Asylparagraphen verunstaltet hat, über
viertausend Menschen, ohne daß sie irgendetwas Kriminelles
getan haben, in Abschiebehaft sitzen, dann ist Widerstand
geboten. Und dieser Widerstand gegen das Gesetz wird erstaunlicherweise
auch von einigen katholischen Priestern angeboten, indem sie
die Kirche als Asyl anbieten. Das sind neue Formen des Widerstands,
die sich entwickeln. Andere gibt es im ökologischen Bereich.
Aber das Wort Widerstandskämpfer ist natürlich zu
Recht besetzt von Leuten, die Kopf und Kragen riskiert haben
und oft daran auch zugrunde gegangen sind, indem sie gegen
die Staatsmacht, die keinen anderen Weg der Auseinandersetzung
mehr zuließ, Widerstand geleistet haben. Sei es gegen
das faschistische System in dieser und jener Form, sei es
gegen das geschlossene Gesellschaftssystem dessen, was sich
Kommunismus genannt hat.
Lassen Sie uns eine andere Formulierung versuchen: Ist
es Aufgabe des Schriftstellers, ganz in seiner Zeit zu leben
und, wie Sartre gefordert hat, sich ganz auf die Kämpfe
dieser Zeit einzulassen?
Günter Grass: Ich käme nie auf die Idee,
"die Aufgabe des Schriftstellers" auf einen Nenner
zu bringen. Für mich hat es sich so ergeben, auch vielleicht
für einige Kollegen meiner Generation, daß wir
als Neunzehn-, Zwanzig-, Einundzwanzigjährige eine Menge
artistisch-ästhetische Optionen hatten, aber nach relativ
kurzer Zeit merken konnten, daß unserer Generation die
Themen diktiert waren. Denen konnte man nicht ausweichen.
Also, bei mir bestand nie die Gefahr, daß ich mich in
Nur-Ästhetischem hätte verlieren können. Das
war anfangs gewiß der Fall mit einigen Theaterszenen,
die ins absurde Theater gingen, mit Gedichten spielerischer
Art, aber dann die "Blechtrommel" war schon ein
Stück Gegengewicht, und das hat sich eigentlich bis heute
so fortgesetzt. In anderen Ländern stellen sich diese
Probleme heute anders. Manchmal wünschte ich mir, ich
könnte in einem Land leben mit einer weniger aufregenden
Geschichte, mit weniger nachwirkenden Verletzungen, sodaß
man unbeschwerter sich die Themen wählen könnte.
Wo würden Sie denn gerne leben?
Günter Grass: Das ist eigentlich im Grunde eine
rhetorische Frage, die ich mir da stelle. Ich bin schon mit
dem, ich will nicht sagen zufrieden, aber einverstanden, was
mir als Thema vorgegeben ist, und was ja auch bis zum letzten
Roman immer wieder zu neuen Infragestellungen führt.
Diese deutschen Geschichten sind noch lange nicht abgeschlossen.
Sie sagen, bei Ihnen war die Gefahr, sich im Ästhetischen
zu verlieren, nicht so groß. Haben Sie den Eindruck,
daß diese Gefahr für die Generation der Schreibenden
heute, insbesondere im deutschen Sprachraum, größer
ist?
Günter Grass: Ja, es sieht zumindest im Westen
so aus. Eine narzißtische Art des Schreibens, der Selbstbetrachtung,
der Selbstauswertung, der Selbstspiegelung oft auf interessante
Art und Weise, hat gewiß zugenommen. Das wird sich aber,
das ist meine Vermutung, dafür gibt es auch schon erste
Anzeichen, zumindest im Ostteil Deutschlands ändern.
Dort ist mittlerweile eine junge Generation von Autoren herangewachsen,
die zum Zeitpunkt, als die Mauer fiel, siebzehn, achtzehn
bis fünfundzwanzig Jahre alt war. Im Vergleich zu meiner
Generation, ich war bei Kriegsende siebzehn, alt genug, um
zu begreifen, welches System da untergegangen ist, aber auch
jung genug, um von dem untergegangenen System nicht so vereinnahmt,
nicht so gezeichnet gewesen zu sein wie die älteren.
Und aus dieser Generation oder Halbgeneration wird einiges
kommen und zu erwarten sein.
Weil Untergänge gute Zeiten sind für Schriftsteller?
Günter Grass: Natürlich, Verlust ist immer
eine großartige Voraussetzung für Literatur, weil
nur Literatur Verlorenes, in meinem Fall zum Beispiel diese
ganze Ostseewelt um Danzig herum, dieses Zusammenleben von
Deutschen, Polen, Kaschuben und Juden rekonstruieren kann.
Die Literatur hat Möglichkeiten, so etwas ins Bild zu
fassen. Was wüßten wir von Österreichs k.-und-k.-Zeit
ohne Josef Roth, was wüßten wir vom Dreißigjährigen
Krieg ohne Grimmelshausen, trotz der Bibliotheken von historischer
Literatur. Und jeweils ist es der Blick von unten, der uns
fesselt, es ist nicht der Blick des Siegers, es ist nicht
der Blick des Herrschenden. Das wäre auch kein angenehmer
Sitzplatz für Schriftsteller, oder wenn er angenehm wäre,
wäre er zu angenehm und erlaubte eben nicht diese Einsicht,
diesen Blick von unten in die Geschichte hinein.
Es gibt auch Gegenbeispiele. Montaigne war zu seiner Zeit
sicher ein Machthaber und trotzdem ein scharfsichtiger Mann
und Beobachter.
Günter Grass: Na gut, ein Machthaber er war
Bürgermeister von Bordeaux, Bürgermeister in einer
schwierigen Zeit, und er hat für eine kurze Zeit, mit
gutem Ergebnis übrigens, den jungen Henri IV. beraten.
Also, man kann sagen, daß dies spätere Toleranzedikt
von Henri IV. auf Montaignes Einfluß zurückgeht,
sicher auch die innerliche Neigung, den Calvinisten zuzuhören,
aber dennoch Katholik zu bleiben, weil beiden auf unterschiedliche
Art und Weise bewußt war, was der Bruch mit der katholischen
Kirche für eine Konsequenz gehabt hatte, nämlich
Kriege, endlose Kriege. Sie setzten also auf das, was man
innere Reformen genannt hat, mit mehr oder weniger viel Erfolg,
eigentlich mit weniger Erfolg auf die Dauer gesehen. Aber
die Essays von Montaigne sind sicher aus der Sicht eines Landedelmannes
geschrieben, sie beruhen auf eigenen Erfahrungen und auf der
Auseinandersetzung mit seiner Zeit, auch mit dem Aberglauben
seiner Zeit.
Herr Grass, Ihr jüngster Roman "Ein weites Feld"
ist heftig verrissen worden. Man hatte manchmal den Eindruck,
daß die Kritik hier den Literaten Günter Grass
geprügelt und den politischen Menschen Günter Grass
gemeint hat. Täuscht dieser Eindruck? Hat sich die Literaturkritik
hier an einem Autor gerächt, der sich politisch stets
prononciert geäußert hat?
Günter Grass: Ich habe mich ja nicht nur politisch
geäußert, und wenn ich das nur politisch getan
habe, dann war es von der Form her abgehoben, dann war es
eine Rede oder ein Aufsatz zu einem bestimmten Thema. Die
Romane, die auch ihren politischen Hintergrund haben, weil
sie in einer jeweils politisch mitbestimmten Gesellschaft
handeln, von der "Blechtrommel" an bis zum "Weiten
Feld", sind von literarischer Konzeption, sie behandeln
und verhandeln gesellschaftliche Verschiebungen, Deformationen
und sind damit auch politisch involviert. Aber sie sind nicht
vordergründig politisch. Gerade weil es mir ja darum
ging, um auf das letzte Buch zu kommen, den gegenwärtigen
politischen Vorgang, den Einigungsprozeß ab Neunundachtzig
in Deutschland in einen größeren Zusammenhang zu
stellen, schien es mir notwendig, eine literarische Erzählform
zu finden, die es mir erlaubte, das neunzehnte Jahrhundert
mitzuerzählen, sodaß also die Ereignisse sich jeweils
spiegeln und brechen, widersprechen, manchmal identisch sind,
oder identisch zu sein scheinen, und es gibt eine Vielzahl
von Stimmen in dem Buch, die sich widersprechen. Es ist nicht
der Autor, der aus der einzelnen Person heraus spricht, und
diese Dinge sind von einem Teil der Kritik vordergründig
nur politisch beim Wort genommen worden.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Günter Grass: Nehmen wir einen Satz wie den,
den Fonty, also Wuttke, äußert im Gespräch
mit seiner Frau, die DDR betreffend: "Wir lebten in einer
kommoden Diktatur." Der ist mir als Halbsatz oder als
Satz hinterher um die Ohren geschlagen worden. Nur, das geht
auf ein Fontane-Zitat zurück, das bezieht sich auf das
Kaiserreich Wilhelms II., auf einen Brief Fontanes an Emilie,
seine Frau, und dort klagt er beredt und zornig über
die Verkommenheit des preußischen Adels, über das
parvenuehafte Gebaren der Bürger, über den ewigen
Reserveleutnant etcetera, alles, was ihn an seiner Zeit geärgert
hat, und dann, in typisch fontanischer Art, relativiert er
das Ganze und sagt: "Und trotzdem müssen wir sagen,
wir leben in einer kommoden Diktatur." Und jetzt ist
meine Meinung dazu, wenn man sich mit mir über diesen
Satz auseinandersetzen will, wenn ich die DDR-Verhältnisse
in Vergleich bringe zu den Verhältnissen, wie sie in
der Sowjetunion die längste Zeit herrschten, oder in
Rumänien bis zum Schluß herrschten, oder in Chile
herrschten, oder im Obristen-Griechenland, dann ist die DDR
eine relativ kommode Diktatur gewesen. Sie blieb eine Diktatur
dadurch, aber das reicht nicht, es gibt eine Mentalität,
die sich in einem Teil dieser Kritiken ausgesprochen hat,
die den Sieg, den man meint errungen zu haben, noch größer
sehen möchte. Also muß der am Boden liegende Gegner,
der zum Teil schon verschwundene Gegner, nachträglich
noch gefährlicher gemacht werden, um den eigenen Sieg
zu vergrößern. Im Grunde ist das ein sehr komischer
und alberner Vorgang.
Wie ist Ihr Verhältnis zu SPD? Sie sind vor drei
Jahren im Zorn von der Partei geschieden, weil sie einer Verschärfung
des Asylrechts zugestimmt hat. Wenn man nun Ihre Wortmeldungen
in jüngster Zeit verfolgt, etwa auch Ihren Auftritt in
der Nachrichtensendung "Zeit im Bild 2", wo Sie
den österreichischen Sozialdemokraten ausdrücklich
zu ihrem Wahlsieg "gratuliert" haben, dann könnte
man fast den Eindruck gewinnen, daß Ihr Zorn verraucht
ist. Gibt es da einen neuen, zarten Flirt zwischen Günter
Grass und der Sozialdemokratie?
Günter Grass: Also Flirt ganz gewiß keinen.
Meine Fähigkeit zu flirten beschränkt sich auf reizvolle
und geistreiche Frauen, und all diese Tugenden kann man weder
den Sozialdemokraten deutscher noch österreichischer
Prägung nachsagen. Wissen Sie, meine Beziehung zur SPD
ist immer eine Vernunftbeziehung gewesen, von Anfang an, gegen
jede Neigung. Ich bin kein geborener Sozialdemokrat, ich bin
allenfalls ein gelernter Sozialdemokrat. Das kommt aus einer
gewissen Grundüberzeugung heraus, aus Erfahrungen, die
ich gemacht habe, die auch Deutschland insgesamt gemacht hat.
Man muß der Tatsache ins Auge sehen, daß die schwache
Weimarer Republik ähnliches kann man übrigens
von der Ersten Republik Österreichs sagen zerstört
worden ist von den Rechtsextremen, aber auch von den Linksextremen,
von den Kommunisten, die die Weimarer Republik genauso abgelehnt
haben, wie es die Deutschnationalen und die Nationalsozialisten
getan haben. Und dann gab es die demokratischen Kräfte,
nämlich die Sozialdemokraten, einen Teil der Zentrumspartei
und ein paar wenige versprengte Liberale, und die waren zu
schwach und zahlenmäßig zu wenig, um diese schwache
Republik zu schützen. Aus diesen historischen Fakten
habe ich einige nüchterne Einsichten gezogen.
Gut, das ist die Vergangenheit. Wie schaut es mit der
Gegenwart aus?
Günter Grass: Also, daß ich aus der SPD
ausgetreten bin, heißt noch lange nicht, daß ich
mich auch von meinen Überzeugungen verabschiedet habe.
Ich bleibe, was ich die längste Zeit meines Lebens gewesen
bin: ein demokratischer Sozialist. Für mich sind diese
beiden Begriffe, Demokratie und Sozialismus, miteinander verbunden,
sie bedingen einander. Eine Demokratie ohne soziale Rechte
ist ein leeres Gebilde, allenfalls verwendbar für die
oberen Schichten, die über die Mittel verfügen,
von den demokratischen Grundrechten, von den Bürgerrechten
Gebrauch zu machen. Einen sehr guten Rechtsanwalt kann sich
nur ein gutbetuchter Mensch leisten. Der Satz "Vor dem
Gesetz sind alle gleich" ist schon in unseren Ländern
äußerst fragwürdig. Ich trete für eine
Verbindung von Demokratie und sozialen Grundrechten ein, daran
wird sich auch so bald nichts ändern.
Wie steht es mit dem Pazifimus? Was die deutschen Intellektuellen
und Schriftsteller Ihrer Generation geeint hat, die Mitglieder
der Gruppe 47, war nicht zuletzt eine gewisse pazifistische
Grundeinstellung. Jetzt kann man beobachten Stichwort Bosnieneinsatz
der Bundeswehr daß es in der SPD, aber auch unter
den Grünen, eine grundsätzliche Diskussion über
den Pazifismus gibt.
Günter Grass: Sehen Sie, ich muß Ihnen
da gleich widersprechen, weil die Grundthese Ihres kleinen
Statements nicht ganz stimmt, auch was die Mitglieder der
Gruppe 47 betrifft. Ich bezweifle, daß die alle Pazifisten
waren. Zum Beispiel, was mich betrifft, könnte ich das
nicht bejahen. Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, daß
Kriege keine anstehenden Probleme lösen, aber einen unbelehrbaren
Agressor müssen Sie notfalls mit Gewalt stoppen. Hitler
war ohne kriegerische Einwirkung nicht zu stoppen, das läßt
sich an verschiedenen Beispielen belegen. Daß dann dieses
Bündnis zwischen dem Stalinismus auf der einen Seite
und dem amerikanisch-kapitalistischen System nur kurze Zeit
gehalten und zu neuen Kriegen geführt hat, ist ein Anzeichen
dafür, daß Kriege keine Probleme lösen. Die
Probleme auf dem Balkan, um jetzt einen Sprung in die Gegenwart
zu machen, kann man nicht mit Kriegen lösen. Aber wenn
sich herausstellt, so wie es ja auf dem Balkan anfangs gewesen
ist, daß das militärische Potential in erster Linie
in Händen der Serben war, und daß die Serben sich
auch nicht gescheut haben, dieses militärische Potential
für ethnische Säuberungen einzusetzen, dann hätte
sehr früh eine militärische Reaktion punktuelle
Einsätze gegen Waffenlager, gegen Flugplätze etwa
eine bestimmte abschreckende Wirkung erreicht. Das hat man
nicht getan. Und dieses Aussparen kriegerischer Mittel ist
nicht etwa aus einer pazifistischen Grundeinstellung heraus
geschehen, sondern weil es in Bosnien kein Öl gibt.
Im Gegensatz zu Kuwait.
Günter Grass: Ganz recht, die Probleme mit einem
Diktator wie Saddam Hussein sind durch den Golfkrieg überhaupt
nicht gelöst worden, der Mann ist nach wie vor an der
Regierung. Und die Länder, für die der Westen eingetreten
ist, Kuwait und Saudi Arabien, die sind, was ihre politischen
Strukturen betrifft, weiß Gott keine Demokratien. Es
ging also wirklich nur ums Öl! Da hatte man keinerlei
Bedenken, sofort mit den äußersten militärischen
Mitteln zuzuschlagen, während in Bosnien, wo es um begrenzte
militärische Schläge gegangen wäre, gleich
in der Anfangsphase das große Zögern und Zagen
ausbrach und das wirtschaftliche Interesse nicht stark genug
war. Also wie gesagt, noch einmal: Was mich betrifft bin ich
nach wie vor der Meinung, daß Kriege, auch dort, wo
sie notwendig sind, um einen Agressor zu stoppen, nicht in
der Lage sind, die anstehenden Probleme zu lösen. Der
gegen Nazi-Deutschland gewonnene Krieg hat den Faschismus
nicht aus der Welt geschafft, nur den Agressor gestoppt.
Ist ja auch nicht zu verachten!
Günter Grass: Natürlich nicht, es war ohne
Zweifel notwendig.
Sind Sie für oder gegen Bosnieneinsätze der
Bundeswehr?
Günter Grass: Was das frühere Jugoslawien
betrifft, ist meine Meinung ganz eindeutig. Ich bin strikt
DAGEGEN, daß deutsche Truppen dorthin gehen, sie haben
in diesem Teil der Welt nichts zu suchen, und zwar aus einem
einfachen Grund: weil die Deutschen durch die Okkupation im
Zweiten Weltkrieg einen Teil der jetzt wieder ausgebrochenen
Probleme mitgeschaffen haben. Man muß generell feststellen,
daß die Deutschen in Jugoslawien äußerst
unglücklich agieren: Die einseitige Anerkennung Kroatiens,
die Genscher zu verantworten hat, den ich immer für einen
intelligenten Außenminister gehalten habe, diese einseitige
Anerkennung ist ein Blödsinn ersten Ranges gewesen. Und
auch nach dieser Anerkennung hätte man die diplomatischen
Beziehungen zu Kroatien mehrfach wieder einfrieren müssen,
denn Kroatien hat sich weiß Gott zu keiner Demokratie
entwickelt.
Lassen Sie uns ein wenig über Ihre künstlerische
Arbeit sprechen: Sie fahren als Künstler zweigleisig,
sind Graphiker und Zeichner auf der einen Seite und Schriftsteller
auf der anderen. Wie bringen Sie diese beiden Professionen
zusammen?
Günter Grass: Das sind fließende Übergänge.
Schon bei der Niederschrift eines Romans oder einer Erzählung,
eines Prosakomplexes, schon bei der handschriftlichen Niederschrift
kommen Zeichnungen, gerufene wie ungerufene, hinein. Manchmal
ist es eine Szene, die ich mir zeichnerisch verdeutliche,
um sie genauer beschreiben zu können. Manchmal ist es
ein zeichnerischer Reflex auf etwas, was schon auf dem Papier
steht. Und dann erweitern sich diese anfangs doch sehr skizzenhaften
Zeichnungen, werden zu großformatigen Kohlezeichnungen
wie hier beim Weiten Feld³, dann entstehen Lithographien,
bei anderen Büchern sind Radierungen entstanden, und
zum Schluß habe ich hier sogar einige Aquarelle in Arbeit
gehabt. Das vollzieht sich bei mir eigentlich recht zwanglos
und ist mir eine große Hilfe.
Wie ist es, wenn Sie gerade kein Buch in Arbeit haben?
Günter Grass: Dann ist mir das Zeichnen erst
recht willkommen. Nach dem Abschluß einer langjährigen
Prosaschreibphase, wenn der Kopf leer ist, wenn alle Wörter
verbraucht sind, entgehe ich durch meine graphische Arbeit
der Gefahr, mit nichts im Kopf dennoch ein weiteres Buch zu
schreiben. Wir kennen von den Buchmessen her diese sehr schön
geschriebenen, inhaltslosen Bücher, die auf diese Art
und Weise entstehen, und dem entgehe ich, wenn man so will,
listig. Listig, indem ich zu meinen Stiften, zu meiner Radiernadel
oder zur Lithokreide oder zu meinem jetzt mittlerweile entstaubten
Aquarellkasten greife und anderen Disziplinen, die eigene
Gesetze haben, nachgehe und mich dadurch entlaste.
Befassen Sie sich manchmal mit dem Tod?
Günter Grass: In den letzten Jahren natürlich
mehr. Ich kann sogar sagen, in den letzten Monaten mehr. Zum
einen, weil ich jetzt mit 68 Jahren selbst einige Altersgebrechen
körperlich verspüre, zum anderen, weil Generationsgenossen,
kürzlich der Jazzmusiker Gerry Mulligan oder Heiner Müller,
wegsterben, Löcher hinterlassen. Es wird in meiner Generation
einsamer. Und da denkt man unwillkürlich auch ans eigene
Sterben.
Befassen Sie sich mit religiösen Fragen?
Günter Grass: Ja, ich befasse mich mit Religion,
aber als nichtgläubiger Mensch, ich reagiere ästhetisch
darauf. Ich bin ein erbitterter Gegner der katholischen Kirche,
als Amtskirche und als Institution, aber ich werde zeitlebens
von der Farbigkeit und von der legendenbildenden Kraft innerhalb
der katholischen Kirche geprägt bleiben. Und das trifft
auch auf andere Religionen zu. Generell kann ich sagen, daß
mir Religionen mit möglichst vielen Göttern mehr
liegen.
Wenn schon Religion, dann Hinduismus?
Günter Grass: Ach wissen Sie, ich kann dem hinduistischen
Kitsch und dem katholischen Kitsch durchaus etwas abgewinnen.
Okay, das ist die Perspektive von außen. Das ist:
Günter Grass betrachtet die Welt der Religion. Wie schaut
es innen aus?
Günter Grass: Ich bin nicht gläubig, das
sagte ich ja schon. Natürlich sehe ich, daß in
der Bergpredigt eine starke moralische Kraft liegt, eine Forderung
an den Menschen, wahrscheinlich eine Überforderung, ähnlich
wie die marxistische Forderung an den Menschen eine den Menschen
übersteigende ist.
Sie vertreten ein realistisches Menschenbild?
Günter Grass: Ich bin in dieser Hinsicht ein
Kant-Anhänger. Kant ist davon ausgegangen, daß
der Mensch ein krummes Holz ist. Und wer versucht, dieses
krumme Holz geradezubiegen, der überfordert, der zerbricht
den Menschen. Also diese Einsicht Kants ist mir dann, obgleich
sie nicht so farbig und nicht so schön schillernd ist
wie die katholische Welt es sein kann, näher und überzeugender
als all diese grauenhaften Versuche, das krumme Holz des Menschen
geradezubiegen.
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Erschienen in "Wespennest",
Nr. 100, 1996.
Buchhinweis:
Günter Grass: EIN WEITES FELD
Roman, Verlag Steidl (1995), 781 Seiten, ISBN: 3882433663.
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