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Judith Hermann

Tom Waits am Prenzlauer Berg

Mit ihrem Erzählband "Sommerhaus, später" hat JUDITH HERMANN das Debüt des Jahres hingelegt. Ein Porträt der Berliner Autorin. Von Günter Kaindlstorfer.

Den Heiligen Abend wird sie nicht anders verbringen als in den Jahren zuvor. "Ich bin zu Hause bei meinen Eltern. Wir werden Karpfen essen oder Gans ­ und nach dem Essen wird gemeinsam musiziert." Judith Hermann will sich den Erfolg der letzten Wochen nicht zu Kopf steigen lassen. Seit die 28jährige Berlinerin mit ihrem Erzählband "Sommerhaus, später", einer Sammlung von elegischen Geschichten voll eigentümlicher Poesie, das Debüt des Jahres hingelegt hat, kommt sie nicht mehr zur Ruhe: Lesungen, Fernsehauftritte, ein Dutzend Pressegespräche, ein vierstündiges "Brigitte"-Interview.

35.000mal hat sich ihr Erstlingswerk bisher verkauft, der Fischer Verlag bereitet drei Monate nach Erscheinen bereits die sechste Auflage vor, die Kritiker übertrumpfen sich gegenseitig in ihren Lobpreisungen. Marcel Reich-Ranicki hat Judith Hermann im "Literarischen Quartett" als "hervorragende neue Autorin" gefeiert, Hellmuth Karasek schwärmte vom "Sound einer neuen Generation" , der "Spiegel" sieht eine staunenswert sichere Prosaistin am Werk, und Florian Illies preist in der FAZ etwas pompös die Stilsicherheit der Autorin, die nichts Geringeres vorhabe, als dem "Leben nach dem Ende der Geschichte" auf den Leib zu rücken.

"Der Rummel der letzten Wochen erschöpft und überfordert mich", seufzt Judith Hermann, die mit der Rolle der literarischen Primadonna sichtlich Schwierigkeiten hat. "Es war alles zuviel. Ich möchte keine Kritiken mehr lesen, will einfach wieder zu mir selbst finden."

Zu sich selbst findet die gebürtige Westberlinerin immer dann, wenn sie ihrem Brotjob nachgeht: dem Kellnern. Judith Hermann führt dasselbe Leben wie die Personnage ihrer Erzählungen, Angehörige der jungdeutschen Boheme, die den Berliner Szene- und Künstlerbezirk Prenzlauer Berg bevölkert. Man malt oder schreibt, hört Tom Waits oder Massive Attack, man versucht sich im Journalismus oder macht ein bißchen Regieassistenz. Und wenn's finanziell eng wird, steht man halt drei, vier Abende in der Woche hinter irgendeiner Theke und zapft Schultheiss-Bier. Bei Judith Hermann ist das nicht anders. Sie hat sich in den letzten Jahren als Servierkraft im "Cafe Schwarz-Sauer" verdingt, einem In-Schuppen der gediegeneren Art, heute serviert sie im "Houdini". Daneben hat die Frau mit dem feinherben Gesicht Features fürs " Deutschlandradio" gestaltet, in der Regel Alltagsthemen behandelnd. Zuletzt zog sie mit ihrem Mikrofon durch Berliner Kneipen, um die Lebensbeichten von Bierstubenoriginalen und Tresen-Causeurs einzufangen. "Ich möchte unbedingt weitermachen mit dem Kellnern, auch mit der Radioarbeit", sagt Judith Hermann, "ich brauche das, um den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren. Außerdem stoße ich da auf die Stoffe, die ich für meine Geschichten brauche."

Worum's darin geht? Kurz gesagt: um das Leben der heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen, um die verlorenen oder nie gehegten Illusionen einer weitgehend unpolitischen Generation, die ohne große Erwartungen durchs Leben driftet: "Wir hörten Paolo Conte aus Heinzes Ghettoblaster, schluckten Ecstasy und lasen uns die besten Stellen aus Bret Easton Ellis' 'American Psycho' vor. Falk küßte Anna, und Anna küßte mich, und ich küßte Christiane", heißt es in der Titelerzählung "Sommerhaus, später". Mit leichtem Strich zeichnet Judith Hermann Skizzen aus dem Alltag der ach so pragmatischen neunziger Jahre. Die Plots? Wenig spektakulär: Eine Frau erzählt die Lebens- und Liebesgeschichte ihrer Petersburger Urgroßmutter und geht ihres Lovers verlustig; ein kleinwüchsiger Videokünstler verwirklicht seine sexuellen Obsessionen mit einer juvenilen Adorantin; ein Maler läßt sich von einem geheimnisvollen Mädchen bezaubern und verliert die Schöne zu schlechter Letzt.

Natürlich gibt es stärkere und schwächere Texte in diesem Buch. An den stärkeren wie der in Jamaica spielenden Erzählung "Hurrikan" bestechen bildhafte Sprache und gekonnte Lyrismen, der Duktus der Texte ist kühl und klar und wunderbar unangestrengt. "Es ist schade, denkt Marie, daß man die Dinge immer nur einmal zum ersten Mal sieht." Das genau ist das Berückende an Judith Hermanns Geschichten: die Balance, in der sie die Dinge zu halten vermag.

Bisweilen sind die Erzählungen auf liebenswerte, fast fontanehafte Weise altmodisch. "Wir fuhren zum Rudern hinaus an die Seen, und ich ruderte Sonja über das spiegelglatte, schilfgrüne Wasser, bis mir die Arme schmerzten. Wir aßen am Abend in den kleinen Gaststätten – Schinkenplatten und Bier –, und Sonja bekam rote Wangen und ganz sonnenhelles Haar."

Revolutionär ist daran nichts. Die 28jährige Autorin ersinnt keine neue Sprache, sie geriert sich weder ästhetisch noch politisch als Umstürzlerin, eine souveräne Abgeklärtheit wird sichtbar in diesen Texten. Das Lebensgefühl der Hermannschen Figuren ist alles andere als subversiv: Alles hat man schon einmal erlebt und gefühlt und durchlitten. Alles kennt man schon irgendwie. Und deshalb ist auch alles irgendwie egal.

Klar, daß sich für ein solcherart fragmentarisiertes Lebensgefühl die kleine literarische Form anbietet. "Das Genre der Short story hat mich immer fasziniert", gesteht Judith Hermann. Sie verehre Capote, Hemingway und Faulkner, habe den persönlichen Umgang mit Schriftstellern aber nie gesucht. "Literarischen Austausch pflege ich so gut wie keinen", sagt sie, was der Wahrheit nicht ganz entspricht: Denn immerhin hat Monika Maron, eine der renommiertesten deutschen Erzählerinnen, Judith Hermanns Texte korrigiert und dem Fischer Verlag empfohlen.

Ihre Eltern, berichtet die Jungautorin, beobachten den Kult um die Tochter mit einer gewissen Skepsis. "Während sich meine Mutter aus reinem Herzen freut, macht sich mein Vater vorwiegend Sorgen. Er hat Angst, daß ich mit dem Erfolg nicht fertig werde."

Judith Hermanns Vaterhaus steht in Neukölln, dem Simmering Berlins – der Begriff Vaterhaus ist hier beinahe wörtlich zu nehmen: Die Mutter ging arbeiten, der Vater, ein hochmusikalischer Mensch, kümmerte sich um Haushalt und Kinder. "Ich bin keineswegs in einem linksprogressiven Milieu aufgewachsen", erinnert sich Judith Hermann, "dazu hat die Politik eine zu geringe Rolle gespielt. Aber ich würde sagen: Links angehaucht war das Milieu meiner Kindheit schon." Besonderen Wert legte man im Hause Hermann auf die musische Bildung des Nachwuchses: Judiths Vater, selbst Klavierlehrer, sorgte dafür, daß die Kinder früh Instrumente lernten und sich im gemeinsamen Musizieren übten.

In den letzten Jahren hat Judith Hermann das Klavierspiel etwas vernachlässigt. Wer sich die Nächte im "Cafe Schwarz-Sauer" um die Ohren schlägt, wer Radiofeatures und formvollendete Erzählungen fertigt, bringt fürs Piano wohl nicht die nötige Muße auf. Judith Hermann genießt das Boheme-Leben am Prenzlauer Berg. "Man kann sich hier relativ lange im Zustand der Unentschlossenheit bewegen", schwärmt sie. "Alle hier sind irgendwie unentschlossen, alle machen irgendwie Kunst, und alle kucken mal irgendwie, was kommt."

Kucken irgendwie. Und warten. Eine neue Generation treibt durch die deutschen Metropolen. Glücksversprechungen? Keine. Man lebt im Hier und Heute – mal sehen, was kommt. Hauptstadt dieser wiedererwachten Lost Generation: Berlin. Ihr Parnaß: der Prenzlauer Berg. Judith Hermann: ihre begabteste Rhapsodin.

ERSCHIENEN in "Format" am 21. Dezember 1998
 

Buchhinweis:
Judith Hermann: SOMMERHAUS, SPÄTER
Erzählungen, Fischer Verlag (1998), ISBN: 3596223946.



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